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Interview mit ITAD-Geschäftsführer Carsten Spohn

„Das darf so nicht weiter gehen“

Quelle: ©iStock.com/Ralph125

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ITAD-Geschäftsführer Carsten Spohn über die Deponierung von Siedlungsabfällen in Europa, die Entwicklung der Verbrennungspreise und darüber, was er von der Überprüfung der Heizwertklausel hält.

Die Interessengemeinschaft Thermischer Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD) vertritt die Eigentümer und Betreiber aller 67 Siedlungsabfall-Verbrennungsanlagen und 12 Ersatzbrennstoff-Kraftwerke in Deutschland. In den Anlagen der ITAD-Mitglieder wurden 2013 knapp 22 Millionen Tonnen Abfall thermisch behandelt. Der durchschnittliche Heizwert betrug ca. 10.400 Kilojoule pro Kilogramm. Über die Abfallverbrennung können rund zwei Millionen Haushalte in Deutschland mit Strom und Wärme versorgt werden.

Carsten Spohn
ITAD
ITAD

Carsten Spohn

Herr Spohn, die Auslastung der Müllverbrennungsanlagen in Deutschland ist 2013 um einen Prozentpunkt auf 93 Prozent gestiegen. Wie stellt sich die Kapazitätsauslastung aktuell dar?

Ob wir in diesem Jahr 92 oder 93 Prozent Auslastungsgrad haben, vermag ich noch nicht abzuschätzen. Aber die Anlagen sind sehr gut ausgelastet. Das spiegeln auch die leicht anziehenden Annahmepreise für Spotmarktmengen in den aktuell veröffentlichten Marktübersichten wider.

Sind die höheren Preise ausschließlich auf höhere Abfallimporte zurückzuführen?

Sicherlich tragen hierzu auch die Abfallimporte bei. Eine Rolle spielt aber auch, dass sowohl das Konsumverhalten der Bürger als auch die Wirtschaftskonjunktur wohl mehr Abfälle hervorbringt.

Wie groß ist der mengenmäßige Anteil der Abfallimporte?

Wir werten die Daten unserer Mitglieder aus 2013 aktuell noch im Detail aus, aber wir gehen von einer Importmenge von rund 800.000 Tonnen Abfälle aus. In diesem Jahr könnten sie etwas höher ausfallen, aber belastbare Zahlen haben wir hierzu noch nicht vorliegen.

Die Importe kommen unter anderen aus Großbritannien. Wie lange könnte der Zustrom aus dem Ausland noch anhalten?

Das wird unter anderem auch davon abhängen, ob die EU neben ambitionierten Recyclingzielen auch deutlich ambitioniertere Vorgaben zur Schließung der Deponien für unbehandelte Siedlungsabfälle aufstellen wird. Aktuell werden europaweit noch rund 80 Millionen Tonnen Siedlungsabfall deponiert. Das darf so nicht weitergehen! Hier gehen wertvolle Ressourcen verloren, sowohl für die stoffliche als auch für die energetische Verwertung. Um diese Ressource sinnvoll zu nutzen, ist aus unserer Sicht eine europäische Abfallstrategie gefordert, in der Abfälle dort genutzt werden, wo effiziente Behandlungskapazitäten vorhanden sind. Auch wenn im Ausland Schritt für Schritt im Rahmen eines integrierten Ansatzes – d.h. stoffliche und energetische Verwertung im Zusammenspiel – zusätzliche Behandlungskapazitäten geschaffen werden, so wird dieser Aufbau sicherlich noch einige Jahre dauern.

Sie gehen also davon aus, dass sich der Anstieg der Spotmarktpreise fortsetzen wird?

Dies ist sicherlich die aktuelle Erwartungshaltung. Man wird sich im Rahmen einer europäischen Abfallstrategie aber auch darüber Gedanken machen müssen, warum Abfälle, wenn sie stofflich genutzt werden, eine tolle Ressource sind, während bei der energetischen Verwertung nicht stofflich verwertbarer Fraktionen die Substitution fossiler Energieträger und die Versorgung von Bürger und Industrie in Form von Strom, Fernwärme und/oder Prozessdampf nicht entsprechend gewürdigt wird.

Dennoch bleibt das Problem, dass die Restmüllverbrennung in Ausschreibungen nur noch 50 bis 60 Euro erzielt, im Osten Deutschland sogar unter 40 Euro je Tonne. MVA-Betreiber können zu diesen Preisen nicht kostendeckend arbeiten, oder?

Auf Dauer wird es nicht möglich sein, zu diesen Preisen wirtschaftlich zu arbeiten. Dafür sind auch die Energieerlöse in den vergangenen Jahren zu stark eingebrochen. Die tatsächlichen Behandlungskosten über den gesamten Abfallinput lagen schon immer im Schnitt zwischen 50 und 80 Euro pro Tonne, je nach Ausgestaltung der Anlagentechnik und Einbindung in die bestehende Infrastruktur. Es ist richtig, dass sich viele Kommunen, die über keine eigene Anlage verfügen, die aktuelle Marktsituation zunutze gemacht haben. Das wird aber auf Dauer so nicht weiter gehen. Die Preise werden sich so einpendeln müssen, dass eine kostendeckende Verbrennung der Abfälle gewährleistet wird.

Aber das werden die Preise nicht unbedingt tun, wenn das Verhältnis von Angebot und Nachfrage eine andere Richtung vorgibt. Die tiefen Preise für Restmüll lassen darauf schließen, dass das Angebot zu groß ist, sprich, es gibt Überkapazitäten auf dem Abfallverbrennungsmarkt. Täuscht der Eindruck?

Zunächst müssen wir festhalten, dass nicht nur die MVA und EBS-Kraftwerke um den Abfall konkurrieren, sondern auch die M(B)A und andere thermische und mechanische Entsorgungsanlagen. In den klassischen MVA werden seit einigen Jahren weitaus weniger als 50 Prozent der thermisch behandelten Abfälle entsorgt. Dass die Preise niedrig sind, ist Ausdruck des Wettbewerbs. Das ist nichts Neues. Und dass jeder Betreiber seine Anlage aus wirtschaftlichen Gründen auslasten möchte, auch nicht. Wir haben auch immer gesagt, dass die Auslastung in einzelnen Regionen vom Bundesdurchschnitt leicht abweichen kann.

Manche behaupten, die Überkapazität betrage mehrere Millionen Tonnen. Wie lautet Ihre Einschätzung?

Schauen wir uns einfach die Zahlen an: Im Jahr 2013 verfügten die 79 Abfallverbrennungsanlagen der ITAD-Mitglieder über eine rechnerische Gesamtkapazität von etwa 23,4 Millionen Tonnen Siedlungs- und Gewerbeabfall. Insgesamt wurden dort 21,8 Millionen Tonnen thermisch behandelt. Somit waren die Kapazitäten zu über 90 Prozent ausgelastet. Rein rechnerisch beträgt die „Überkapazität“ knapp 2 Millionen Tonnen. Die Frage ist nur, ob man das als Überkapazität bezeichnet, oder wie früher nicht eher als Reservekapazität. Es ist allgemein anerkannt, dass eine Zusatzkapazität von 10 Prozent für die Aufrechterhaltung der Entsorgungssicherheit notwendig ist. Von daher kann man nicht wirklich von einer Überkapazität sprechen. Im gleichen Zeitraum sind auch 1,3 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle ins Ausland exportiert worden, bei denen man für Teilfraktionen trefflich über die Hochwertigkeit der Verwertung streiten kann.

Wird sich die Marktlage noch verschärfen, wenn ab kommendem Jahr die Getrennthaltungsvorschriften für Bioabfall in Kraft treten?

Vermutlich nicht. Denn für unsere Mitglieder stellt sich die Situation so dar, dass in fast allen Regionen, in denen unsere Anlagen stehen, die Biotonne bereits eingeführt wurde. Und das größtenteils auch flächendeckend. Insofern schätzte ich den Einfluss der künftigen Bioabfallsammlung auf unsere Anlagen aktuell eher gering ein. Die großen weißen Flecken, wo es noch keine Biotonne gibt, sind eher dort, wo mechanisch-biologische Abfallbehandlungen in Betrieb sind.

Das BMUB wird das Heizwertkriterium möglicherweise schon im kommenden Jahr überprüfen. Dem Kriterium zufolge ist die energetische Verwertung mit der stofflichen gleichgestellt, sofern der Heizwert der betreffenden Abfälle höher als 11.000 Kilojoule ist. Angenommen, das BMUB würde das Kriterium ersatzlos streichen. Wie viele Tonnen Abfall würden für die MVA wegbrechen?

Ich glaube nicht, dass die Mengen für die energetische Verwertung bei Streichung des Heizwertkriteriums maßgeblich beeinflusst würden. Denn letztlich kann eine Streichung dieses Kriteriums nur damit verbunden sein, dass man auf der anderen Seite auch entsprechende Kriterien für die Hochwertigkeit einer stofflichen Verwertung einführt. Passiert das nicht, dann würde ich mir in der Tat Sorgen über die Hochwertigkeit der Kreislaufwirtschaft machen. Denn dann würde beim Recycling „Masse vor Klasse“ gelten und wir würden dann möglicherweise Zeuge sehr fragwürdiger Recyclingmaßnahmen werden. Außerdem ständen die Abfallerzeuger vor dem Problem, dass sie vor dem Hintergrund der Einhaltung der Abfallhierarchie begründen müssten, warum sie einen mittelkalorischen Abfall, der für die stoffliche Verwertung nicht geeignet ist, in die energetische Verwertung geben. Das wäre mit großem Aufwand verbunden. Aus unserer Sicht war und ist es nicht zwingend erforderlich, ein Gleichwertigkeitskriterium zu haben, wenn andererseits festgelegt wird, was genau eine hochwertige stoffliche Verwertung ist.

Wie könnte das geschehen?

Da können wir den Stein des Weisen auch noch nicht präsentieren. Zumindest aber gibt es ein Maß für die Hochwertigkeit von Rezyklaten im Bereich von Kunststoffen, Papier, Glas und Metallen, und das ist der Marktpreis. Das sieht man beispielsweise bei Rezyklaten, die Primärkunststoffe ersetzen. Ihr Marktpreis ist so hoch, dass die Abfallverbrennung an keiner Stelle dagegen konkurrieren kann. Hier funktionieren die Märkte und sie geben auch ein klares Signal, dass sich die Getrenntsammlung und Aufbereitung lohnt. So etwas über Quoten oder Staffelquoten festlegen zu wollen, halte ich für relativ gefährlich, weil ich das Problem sehe, dass dann nicht mehr in das hochwertige Recycling investiert wird. Stattdessen könnten viele Abfälle stärker als bisher in Downcycling-Prozesse gelangen, schlichtweg um die Quote zu erfüllen.

Die Europäische Kommission hatte dennoch höhere Recyclingquoten vorgeschlagen. Nun wird sie das Vorhaben voraussichtlich zurückziehen, weil unter den verschiedenen EU-Institutionen kein Konsens zu diesem Thema zu erreichen ist. Welche Signalwirkung geht hiervon aus?

Es gibt in der Tat einige Hinweise darauf, dass das gesamte Circular Economy Package der Kommission aktuell auf dem Prüfstand steht und sogar diskutiert wird, das Paket komplett zurückzuziehen. Das Thema aus dem Arbeitsprogramm der Kommission für die nächste Legislaturperiode zu streichen, wäre aus meiner Sicht allerdings eine verpasste Chance und das völlig falsche Signal hinsichtlich der Weiterentwicklung der europäischen Abfallwirtschaft. Wichtig wäre es vielmehr, sinnvolle Kriterien für ein hochwertiges Recycling aufzustellen. Parallel dazu muss es gelingen, die Output-Ströme von Vorbehandlungsanlagen transparent zu gestalten. Es darf nicht sein, dass wir Sortierreste als angeblich recyclingfähiges Material außerhalb der EU exportieren. Wir würden hier nicht nur eine wertvolle Energieressource abgeben, sondern auch mögliche Umweltprobleme einfach ins nicht-europäische Ausland verlagern.

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