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Portrait

Der Scherendoktor

Claus Podgurski repariert Schrottscheren und Schrottpressen. Er macht das seit über 40 Jahren. Aufhören will er noch nicht, aber die Nachfolge hat er schon geregelt. Ein Portrait.

Claus Podgurski ist sauer. Er hat einen Ordner in der Hand, klatscht auf die aufgeschlagene Seite und schimpft. Hier, genau an dieser Stelle, sollte die Unterlage abgeheftet sein. Ist sie aber nicht. Podgurski kann das nicht gebrauchen. Er braucht Ordnung, sonst funktioniert sein Geschäft nicht. Ist irgendwo ein Störfall, reagiert er innerhalb von 24 Stunden. Das ist sein Versprechen. Dafür braucht er Ordnung.

Podgurski hat einen Reparaturbetrieb. Er repariert Großscheren und Paketierpressen. Seit über 25 Jahren macht er das. Er kennt alle Modelle. Manche Probleme kann er aus dem Kopf lösen, in anderen Fällen braucht er Zugriff auf seine Ordner. Dann steht er in seinem Büro und sucht nach der richtigen Unterlage. So wie an diesem Freitag im Spätherbst.

Podgurski steht da und blättert den Ordner durch. Das Regal hinter ihm ist voll mit solchen Ordnern. Das Wissen von mehr als zwei Jahrzehnten ist darin gesammelt. Alles über Scheren und Pressen, ihre technischen Daten, die Zeichnungen und ihre Besonderheiten. Auch die fehlende Unterlage ist enthalten, wenn auch an der falschen Stelle. Podgurski ist beruhigt. Er heftet das Papier am richtigen Ort ab und klappt den Ordner zu. Die Antwort an den Kunden kann raus. Und Podgurski hat Zeit, sich an den Besprechungstisch zu setzen.

„Repariert wie die Weltmeister“

Podgurski ist Elektriker. Früher hat er bei der Firma Henschel in Kassel gearbeitet. Henschel hatte seit den späten 60er Jahren Schrottscheren und Schrottpressen gebaut, im späteren Verlauf kamen auch Shredder und Schrottmühlen hinzu. Bei Henschel war er damals im Servicegeschäft tätig, erzählt Podgurski. Er war viel unterwegs, weltweit, aber vor allem in den damaligen Ostblockstaaten. Meist ging es um mechanische Reparaturen oder Probleme mit der Hydrauliksteuerung. Damals hatten die Hersteller noch das gesamte Servicegeschäft im eigenen Haus. Wer Probleme hatte mit seiner Maschine, musste sich an den Hersteller wenden. Service-Dienstleister außerhalb der Konzerne gab es nicht.

Doch es lief nicht rund bei Henschel. Nötige Investitionen blieben aus, die Unzufriedenheit bei Mitarbeitern und Kunden nahm zu. Es war Zeit, sich nach etwas Neuem umzusehen. Doch was tun? Zu einem anderen Konzern wechseln? Zu Lindemann oder Leimbach?

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Claus Podgurski

Der Wechsel zu einem anderen Hersteller erschien Podgurski wenig attraktiv. Er entschied sich für die Selbständigkeit und dafür, als konzernunabhängiger Service-Dienstleister eine Marktlücke zu schließen. Zusammen mit seiner Frau gründet er 1990 die Firma ISR Podgurski. Die Arbeitsteilung ist klassisch: Er repariert die Maschinen, sie kümmert sich um die administrativen Dinge. Die Geschäfte gehen von Anfang an prächtig, die Grenzen zum Ostblock fallen, es ist massig Schrott vorhanden, die Scheren und Pressen laufen rund um die Uhr. „Wir haben repariert wie die Weltmeister, wir hatten eigentlich keine direkten Konkurrenten, das war eine gute Startzeit“, sagt Podgurski.

Es waren die Jahre, an die sich alle in der Schrottbranche gerne erinnern. Das Schrottgeschäft lief quasi von alleine, detaillierte Kalkulationen waren nicht nötig, die Margen waren üppig. Auch Podgurski hielt sich nicht mit projektbezogenen Kalkulationen auf. „Wie haben einfach 20 Prozent unterhalb der Hersteller angeboten“ sagt er. Mehr war nicht nötig, die Aufträge kamen rein.

Die Krise frisst die Margen

Heute ist der Schrottmarkt am Boden. Die Probleme sind vielschichtig. Einerseits exportiert China in großen Mengen billige Stahlknüppel und macht damit der Schrottwirtschaft das Leben schwer. Denn die Knüppel sind für Stahlwerke eine günstige Alternative zu Schrott. Folglich hat die geringe Nachfrage die Erlöspreise für Schrott in den Keller geschickt. Zugleich bestehen Überkapazitäten bei der Aufbereitung von Stahlschrott, weil in den vergangenen Jahren der Materialzufluss zum Schrotthandel um geschätzte 20 Prozent gesunken ist. Viele Industrie-Produktionsstätten wurden von Deutschland ins Ausland verlegt, aber nicht nur Neuschrott fehlt, auch der Abriss von alten Hallen oder Brücken ist rückläufig.

Das ist der Grund, warum die Krise vor allem die Margen der großen Player auffrisst. Ihre Großshredder haben mächtigen Materialhunger. Um die nötigen Schrottmengen zu bekommen, haben die Konzerne in der Vergangenheit hohe Einkaufspreise gezahlt. Bei adäquaten Erlöspreisen geht die Rechnung auf. Bei den derzeitigen Erlöspreisen nicht mehr. Bei Alba ist die Marge im Schrottgeschäft im ersten Halbjahr 2015 auf weniger als ein Prozent zusammengeschmolzen.

Entscheidend ist das Gewicht

Die aktuelle Krise hat durchaus das Zeug, die Schrottbranche nachhaltig zu verändern. Gut möglich, dass es in Europa auf lange Sicht immer weniger Schrottverabeitungsmaschinen geben wird. Wenn die Margen weiterhin so dürftig ausfallen, wird es sich für kleine Betriebe weniger lohnen, das Material zu schneiden oder zu pressen. Dann werden die kleineren Händler das Material direkt an Großbetriebe weiterreichen. Die größeren Schrotthändler wiederum werden ihr Geschäft aller Voraussicht nach konsolidieren müssen, um weitere Kosten einzusparen. Und auch die Maschinenhersteller werden die Auswirkungen zu spüren bekommen, wenn der Markt insgesamt schrumpfen sollte. Und Podgurski? Wie sieht er die Krise?

Podgurski sitzt noch am Besprechungstisch in seinem Büro. Die Krise? „Die spüren wir kaum“, sagt er. Im Gegenteil. Sind die Zeiten schlecht, kaufen die Aufbereiter weniger neue Maschinen. Die alten bleiben länger in Betrieb. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie irgendwann bei Podgurski anrufen werden, weil die Maschinen gewartet oder repariert werden müssen.

In der Regel fällt eine kleinere Wartung alle zwei Jahre an. Meist im Schneidebereich, weil dort der Verschleiß am größten ist. Nach vier Jahren folgt oft das Maschinenbett bzw. der Vorpresskasten und nach sechs Jahren muss die Maschine komplett gewartet werden. Zwischendrin muss gegebenenfalls eine Störung behoben werden. Eine Schere läuft gut und gerne 30 Jahre, im besten Fall sogar viele Jahre mehr.

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Werkstatt von ISR Podgurski

Für Podgurski macht es keinen Unterschied, von welchem Hersteller eine Maschine stammt. Reparieren kann er sie alle, sagt er. Im Grunde genommen würden alle Hersteller die gleiche Hydraulik, die gleichen Zylinder, das gleiche Stampfen und Schneiden verwenden. Die Vorverdichtung wird über Pressflügel – axial oder horizontal, parallel oder winkelverstellbar – und Vorschub erreicht. Ein wichtiges Indiz für die qualitativen Unterschiede, sei vor allem das Gewicht. Das Gewicht ist in der Regel proportional zur Stabilität. Gerade das sei wichtig, denn ist die Maschine nicht stabil bzw. schwer genug, kann sie die Kräfte statisch nicht verkraften. Dann wird sie beginnen, sich zu verwinden. „Die Grundformel ist einfach“, sagt Podgurski. „Nimm den Preis und teile ihn durch das Gewicht, dann hat man die bearbeitete Tonne.“ Diese Formel gibt letztendlich einen guten Hinweis auf den „Preis pro Stabilität“. Wer so die Preise von Neumaschinen vergleicht, erhält mehr Klarheit.

Scheren aus China

Podgurski hat inzwischen 14 Mitarbeiter, darunter fünf Monteure und einen Elektriker. Einer seiner Leute ist Thomas Schmitz. Er war früher einer seiner Monteure, seit Mai dieses Jahres ist er neben Podgurski der zweite Geschäftsführer. Schmitz kümmert sich unter anderem um das Neukundengeschäft. Darüber hinaus ist er auch der potenzielle Nachfolger, wenn Podgurski einmal beschließen sollte, sich aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen.

Podgurski ist im September 67 geworden. Noch denkt er nicht ans Aufhören, aber er weiß natürlich, dass er den Generationenwechsel rechtzeitig einleiten muss. Sorgen um den Fortbestand der Firma macht sich Podgurski nicht. „Sie dürfen davon ausgehen“, sagt Podgurski, „dass die Firma ISR Podgurski auch noch in 20 Jahren am Markt ist.“

Seit einigen Jahren bietet er neben dem Reparaturgeschäft auch technische Beratung an. Mit Gutachten über den technischen Zustand von gebrauchten Maschinen oder bei der Konzeptionierung einer Neumaschine kann er mit seinen Leuten helfen. Darüber hinaus ist er exklusiver Vertriebspartner des spanischen Herstellers MOROS. Das ist sein zweites Standbein. Vermittelt er den Neukauf einer MOROS-Maschine, erhält er zugleich den Vertrag für die Wartung und Reparatur.

Möglicherweise wird sich Podgurski aber auf neue Konkurrenten einstellen müssen. Wegen der Krise könnte der deutsche und europäische Markt etwas schrumpfen, der asiatische Markt dafür zulegen. Bereits vor einiger Zeit schon haben die Chinesen die ersten Scheren auf den Markt gebracht. Die Modelle sind Kopien deutscher Hersteller, allerdings zu einem deutlich geringeren Preis.

Die Modelle aus China landen nicht nur auf dem chinesischen Markt, sondern werden zunehmend auch ins Ausland geliefert, wie beispielsweise nach Indien. Ein Inder hat dann die Wahl, ob er eine Maschine aus Europa kauft oder zum gleichen Preis zwei Maschinen aus China. „Der Inder nimmt dann die Maschinen vom Chinesen“, so Podgurski. „Denn er sagt sich: Wenn eine nicht läuft, dann kann ich immer noch die andere anschmeißen. Das ist so ähnlich wie früher im Osten.“

Wird es also so kommen, dass die Firma ISR Podgurski eines Tages chinesische Scheren und Pressen reparieren wird? Podgurski wiegt den Kopf. Der Gedanke scheint ihm nicht besonders gut zu gefallen. Dann nickt er und sagt: „Ja, das ist durchaus möglich. Wer weiß, vielleicht wird es tatsächlich so kommen.“

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