Responsive Menu Pro Image
Responsive Menu Pro Image Responsive Menu Clicked Image
Home / News / Märkte & Preise / „Ein gewaltiges Schrottreservoir“
Interview zur Entwicklung der Stahlschrottmärkte

„Ein gewaltiges Schrottreservoir“

Christian Rubach, Präsident der Ferrous Division im Weltrecyclingverband BIR, über die Entwicklung der internationalen Stahlwirtschaft, den Konsolidierungsdruck der deutschen Schrottwirtschaft und Chinas Entwicklung zum Selbstversorger.

Christian Rubach ist ein ausgewiesener Kenner der Stahlschrottbranche. Der gelernte Bankkaufmann und Diplom-Volkswirt war von 2000 bis 2008 Vorstandsmitglied von Interseroh und dort verantwortlich für den Geschäftsbereich Stahl- und Metallrecycling. Seit 1. Oktober ist Rubach Senior-Berater der TSR-Gruppe. Darüber hinaus ist er Präsident der Ferrous Division im Weltrecyclingverband BIR.

Herr Rubach, Anfang Juni ist die Frühjahrstagung des Weltrecyclingverbands BIR in Miami zu Ende gegangen. Wie ist die Stimmung in der internationalen Stahlschrottbranche?

Christian Rubach
BIR
BIR

Christian Rubach

Ich würde sagen, dass der Tiefpunkt erreicht und das Schlimmste vorbei ist. Inzwischen geht es wieder nach oben, aber eben nur sehr langsam. Leider ist es auch nicht so, dass der Reichtum schon wieder sprudelt.

Wo liegt das Hauptproblem?

Was dem Handel hauptsächlich zu schaffen macht, ist der Margenverfall. Das drückt auf die Stimmung. Das gilt für Deutschland, aber auch für viele andere Länder. Die Goldgräberstimmung aus den Jahren 2003 bis 2008 wird es so schnell nicht wieder geben, so viel steht fest.

Die Marge verfällt auch deshalb, weil sie aktuell von beiden Seiten in die Zange genommen wird?

Ja, es drückt sowohl von der Einkaufs- als auch von der Erlösseite. Zum einen muss man viel Geld anlegen, um Schrott zu bekommen, und zum anderen reicht der Verkaufserlös nicht aus. Das ist das Klagelied der meisten, egal, ob es Europäer oder Amerikaner sind. Alle klagen über den Margenverfall.

Den europäischen Schrottpreisen fehlt vor allem der Impuls aus der Türkei-Nachfrage. Woran liegt es, dass türkische Stahlwerke zurückhaltender sind?

Das liegt sicherlich daran, dass es der türkischen Industrie nicht mehr so gut geht wie noch in den Boomjahren. Hinzu kommt aber auch, dass die türkischen Stahlwerke die wachsende Konkurrenz in den Nachbarländern der Türkei spüren. Diese Länder bauen aktuell eine eigene Stahlindustrie auf. Schauen Sie sich nur die Zahlen von Ägypten an, da sehen Sie einen bemerkenswerten Anstieg der Schrottimporte. Das Gleiche gilt für den Stahlmarkt in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Das alles sind Regionen, in denen die Türkei bislang Marktführer beim Absatz von Stahlprodukten war. Dort gibt es nun Konkurrenz für die türkischen Firmen. Und obendrein drücken auch noch die chinesischen Billigexporte in den Markt. Auch das spielt eine ganz große Rolle.

Die Schrottnachfrage aus China ist ebenfalls deutlich zurückgegangen. Welche Rolle spielt die chinesische Schrottnachfrage noch für den europäischen Markt?

Sie spielt praktisch keine Rolle mehr. Das ist auch einer der Gründe, warum der Schrottmarkt abgerutscht ist. Damals, zwischen 2003 und 2008, als der Schrottmarkt boomte, lagen große Importe von China, Indien und der Türkei zugrunde. Alle drei Boomfaktoren, die auch die europäische Schrottindustrie gepusht haben, sind weg. Die Chinesen haben noch vor ungefähr 10 Jahren 13 bis 14 Millionen Tonnen Stahlschrott importiert, heute liegen die Importe bei 2,5 bis 3 Millionen Tonnen. Und davon importieren sie das meiste aus Nachbarländern wie Japan, weil dann die Transportkosten niedriger sind.

Und dennoch steigt die Stahlproduktion in China unverändert stark.

Ja, und daraus resultieren die Billigexporte, die vielen in der Branche Kopfschmerzen bereiten. Das Problem ist, dass China die Stahlproduktion weiter extrem erhöht, ohne dass die Nachfrage mitwächst. Daraus folgt, dass die Chinesen rund 50 Millionen Tonnen Fertigstahl exportieren. Das ist zwar im  Verhältnis zur Gesamtproduktion von knapp 800 Millionen nicht besonders viel, aber in absoluten Zahlen durchaus. Das ist immerhin mehr als die gesamte Rohstahlproduktion in Deutschland.

Sind die rückläufigen Schrottimporte Chinas auch ein Ausdruck dafür, dass die Volksrepublik zunehmend eigene Recyclingstrukturen aufgebaut hat?

So muss man das wohl sehen, ja. Ob diese Strukturen allerdings auch effizient sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber in jedem Fall gehen die Schätzungen dahin, dass China bis 2020 ein gewaltiges Schrottreservoir haben wird. Und das werden sie auch nutzen. Man spricht von rund 200 Millionen Tonnen Stahlschrott pro Jahr, die in fünf bis sechs Jahren in China anfallen werden. Heute liegt das Aufkommen bei etwa 85 Millionen Tonnen.

Könnte die Entwicklung auch dazu führen, dass China verstärkt zum Schrottexporteur wird?

Theoretisch wäre das denkbar. Aber ich glaube es nicht. Denn vermutlich wird China in den kommenden Jahren stärker in die Elektrostahlproduktion einsteigen. Insofern wird China selbst mehr Schrott benötigen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Chinesen diesen Rohstoff exportieren wollen. Sie werden den Mehranfall selbst verbrauchen.

Für Europas Stahlindustrie geht es in diesem Jahr wieder aufwärts. Die Produktionszahlen für Rohstahl zeigen seit Jahresbeginn nach oben, insbesondere auch in Deutschland. Wie groß sind die Überkapazitäten der Stahlindustrie in Europa noch?

Nun, das muss man differenziert betrachten. Die größten Überkapazitäten gibt es sicherlich bei den integrierten Stahlwerken in Osteuropa, beispielsweise in Rumänien, Polen oder Bulgarien. Dort gibt es viele Werke mit alter Technologie. Diese Werke gelten als gefährdet, wenn es um das Thema Schließung geht. In Deutschland hingegen ist wohl kein Stahlwerk wirklich gefährdet. Alles in allem gehe ich davon aus, dass die Überkapazität in ganz Europa bei rund 25 Prozent liegt.

Überkapazitäten gibt es nicht nur in der Stahlindustrie, sondern auch in der deutschen Schrottwirtschaft. Wie groß sind die Ihrer Einschätzung nach?

So genau lässt sich das nicht beziffern, aber ich schätze, dass wir 20 bis 30 Prozent zu viel an Aggregaten haben. Das entspricht ungefähr dem, was auch die Stahlindustrie vor sich herschiebt.

Die Überkapazitäten in der Schrottwirtschaft sind Teil des angesprochenen Margenproblems. Wenn Aufbereiter im Einkauf höhere Preise bezahlen müssen, um an Schrott zu kommen und damit ihre Aggregate auszulasten, dann wird die Marge immer schmaler. Steht nun die Konsolidierung bevor, die schon vor vielen Jahren angekündigt wurde?

Zumindest erscheint sie wahrscheinlicher. Aber abgesehen davon hat die Konsolidierung schon vor einigen Jahren eingesetzt. Sie verläuft nur schleichend, man nimmt sie also nicht so stark wahr. Fakt ist, dass nach jeder Übernahme eines Unternehmens die Größe eines Platzes an die Verhältnisse angepasst wird. Zuerst wird eine Schere verkauft, später dann ein Shredder und so weiter. Man darf auch nicht vergessen, dass auf diesen Plätzen teure Genehmigungen liegen. Diese Plätze haben also in der Regel einen großen Wert. So etwas gibt man nicht so leicht auf. Und dennoch ist der Druck zur Konsolidierung in jedem Fall vorhanden. Und vermutlich wird es in naher Zukunft auch einige Übernahmen geben.  

Auffällig ist, dass die Schrottwirtschaft nur zum Teil von der Erholung der Stahlwirtschaft profitieren kann. Das Wachstum der Rohstahlproduktion in Deutschland speist sich im Wesentlichen aus der Erzeugung von Oxygenstahl. Während die Herstellung von Oxygenstahl von Januar bis April um 7,4 Prozent auf 10,463 Millionen Tonnen zulegte, verringerte sich die Produktion von Elektrostahl um 2,3 Prozent auf 4,537 Millionen. Woran liegt das?

Das mag daran liegen, dass Elektrostahl zum großen Teil für die Bauwirtschaft verwandt wird, während Stahl aus dem Hochofen stärker in der Automobilindustrie eingesetzt wird. Da die Bauwirtschaft in Westeuropa noch nicht angezogen hat, ist der Bedarf auch nicht so groß. Das wird der Grund sein.

Gibt es für die Verwendung von qualitativ besseren Schrottsorten grundsätzlich ein größeres Potenzial?

Davon kann man ausgehen. Zumindest im aktuellen konjunkturellen Umfeld dürften die besseren Schrottsorten auch die besseren Voraussetzungen haben. Das ist ja im Übrigen auch die Ansage der Türkei: Die türkischen Werke haben angekündigt, dass sie in den kommenden Jahren wesentlich bessere Schrotte benötigen, eben weil sie auch in die Hochofenroute investieren und nicht mehr nur Elektrostahl für die Bauwirtschaft im Nahen Osten produzieren wollen.

Wie werden sich aus Ihrer Sicht die deutschen Stahlschrottpreise in diesem Jahr insgesamt entwickeln?

Nun, aktuell sind die Preise leicht fallend. Außerdem wirken sich die gesunkenen Eisenerzpreise aus, so dass auch von dieser Seite ein Druck nach unten entsteht. Das könnte sich im Laufe des Jahres in die andere Richtung drehen. Wenn es keine gravierenden Einflüsse von außen geben wird, dann erwarte ich für das Gesamtjahr stabile, gegebenenfalls leicht rückläufige Preise.

Für die Branche ist das keine gute Nachricht, oder?

Ja, das stimmt. Das ist etwas, was die Branche überhaupt nicht mag. Denn leicht rückläufige Preise sind im Einkauf schwer reinzuholen. Bei einem Preisrückgang von 30 Euro fällt das viel einfacher. Gerade bei langsam fallenden Preisen nimmt der Margendruck noch weiter zu.

Im vergangenen Jahr ist der Stahlschrottverbrauch in der EU um 4,3 Prozent zurückgegangen. Wird in diesem Jahr ein Plus vor der Prozentzahl stehen?

Da muss man sicherlich differenzieren zwischen Ländern, wo es relativ gut läuft, und auch in den kommenden Monaten vermutlich gut laufen wird, und Ländern wie Spanien und Italien, wo die Stahlwirtschaft schwierig ist. Alles in allem würde ich sagen, dass der Stahlschrottverbrauch für 2014 in etwa das Niveau von 2013 haben wird. In Deutschland könnte der Verbrauch etwas höher ausfallen.

Kommentar verfassen

Anzeige

Mehr auf 320°

Mehr auf 320°