„Graue Wertstofftonne“

Braucht Deutschland die Wertstofftonne wirklich? Nein, sagen die Experten des Witzenhausen-Instituts für Abfall, Energie und Umwelt. Mit einer besseren Sortierung des Restmülls erreiche man bessere Ergebnisse. Und das sei nicht der einzige Vorteil.

Mehr Wertstoffe, gleiche Qualität


Bei 30 Prozent Fehlwürfen im Gelben Sack und einem Anteil von Verpackungsabfällen im Restmüll nahe 50 Prozent kann man nicht behaupten, dass der Bürger die Getrenntsammlung von Verpackungsmaterial versteht – oder verstehen will. Die Ergebnisse der Getrenntsammlung im Gelben Sack sind ernüchternd, daran habe auch die intensive Öffentlichkeitsarbeit in den vergangenen fast 20 Jahren nichts geändert, konstatiert die Arbeitsgemeinschaft Graue Wertstofftonne, ein Zusammenschluss von öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern, privaten und öffentlichen Abfallverwertungsanlagen und abfallwirtschaftlichen Organisationen.

Der Landkreis Kassel, bekannt als Verfechter einer gemeinsamen Erfassung von Leichtverpackungen über die Restmülltonne, hat deshalb zusammen mit dem Abfallzweckverband Südniedersachsen und der B + T Umwelt GmbH einen Versuch zur weiteren Wertstoffentfrachtung des Hausmülls initiiert. Mit der wissenschaftlichen Begleitung wurde das Witzenhausen-Institut für Abfall, Umwelt und Energie beauftragt. Statt einer weiteren Tonne wollten die Projektpartner beweisen, dass es sinnvoller ist, das vorhandene Wertstoffpotenzial durch eine qualitativ gute Restabfallsortierung zu sichern.

Das Testmaterial war der Hausmüll aus dem Landkreis Kassel sowie aus dem Gebiet des Zweckverbandes Südniedersachsen. Dieser ist aufgrund hoher Bioabfallerfassungsraten relativ trocken und sortierfähig. Der Hausmüll wurde zunächst mit der vorhandenen mechanischen Aufbereitungstechnik zwei Abfallbehandlungsanlagen zu einem Wertstoffkonzentrat aufbereitet. Aus diesem Konzentrat wurden dann mittels Nahinfrarot-Sortiertechnik (NIR) Wertstoffe, insbesondere Kunststoffe, aussortiert.

Dabei habe sich gezeigt, dass das System Graue Wertstoffstonne höhere Kunststoffverwertungspotenziale generieren kann, als sich das Bundesumweltministerium (BMU) als Ziel für eine Wertstofftonne gesetzt hat, heißt es im Ergebnisbericht des Witzenhausen-Instituts. Darüber hinaus seien fast alle Metalle aus dem Restabfall über die mechanische Aufbereitung mit FE- und NE-Abscheidern aussortiert worden. Die Ziele, die mit der zusätzlichen Wertstofftonne erreicht werden sollen, würden übererfüllt. Für den Landkreis Kassel ist daher klar: „Eine weitere Tonne ist unnötig.“

Auch die Qualität der Recyclingkunststoffe hat angeblich nicht gelitten. Die Kunststoffe wurden in einem Labor zur Bewertung der Material- und Recyclingeigenschaften begutachtet. Die ermittelten Parameter bestätigen, dass der mittels NIR-Sortierung aus dem Hausmüll gewonnene Kunststoffstrom (PP und PE) materialseitig vergleichbar mit den Fraktionen der Aufbereitung von Leichtstoffverpackungen (LVP) ist, heißt es im Endbericht. Die Kunststoffqualität der untersuchten PP- und PE-Kunststoffe habe im erwarteten Qualitätsspektrum gelegen und zeige keine signifikanten Unterschiede zu den Ergebnissen aus der LVP-Erfassung.

Als weiteren Pluspunkt zählen die Verfechter der Grauen Wertstofftonne den größeren Komfort für die Bürger auf, weil die Graue Tonne für den Bürger einfacher und bequemer sei. In einem Praxisversuch zur Ermittlung der optimalen Tonnengröße zur gemeinsamen Erfassung von Restmüll und Leichtverpackungen haben sich die teilnehmenden Haushalte durchweg positiv über das „sehr bequeme“ System geäußert. „Nur einer der befragten Versuchsteilnehmer wollte doch lieber trennen“, erzählt Jörg Hezel, Stellvertretender Betriebsleiter der Abfallentsorgung Kreis Kassel. Vor allem der Wegfall der Gelben Säcke sei als ein „wahrer Segen“ empfunden worden: „Keine lästige Zwischenlagerung mehr in den Haushalten, keine von Tieren – im Landkreis Kassel sind damit speziell Waschbären gemeint – ausgeräumten Gelben Säcke mehr, keine verwehten Gelben Säcke“, zählt Hezel die in den Fragebögen gemachten Angaben auf.

Für den Landkreis steht deshalb fest, dass die Graue Wertstofftonne eine Alternative für Gebietskörperschaften sein kann, die aufgrund einer funktionierenden Bioabfalltrennung trockene und sortierfähige Restabfälle besitzen und ihre Restabfälle ohnehin schon sortieren. Ein weiterer Abfallbehälter als Wertstofftonne würde insbesondere in ländlichen Gebieten einen erheblichen logistischen Mehraufwand verursachen. Die Graue Wertstofftonne wäre in diesen Fällen nicht nur die ökologisch, sondern auch die ökonomisch sinnvollere Variante.

Die Arbeitsgemeinschaft Graue Wertstofftonne fordert daher, dass ein zukünftiges Wertstoffgesetz die Möglichkeit einer Grauen Wertstofftonne berücksichtigen muss. Generell müsste das Gesetz lediglich Verwertungsziele vorsehen. Wie diese dann erreicht werden, sollten die Kommunen vor Ort in Abhängigkeit ihrer Rahmenbedingungen entscheiden dürfen.

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