Szenario für die Behandlung von Siedlungsabfällen

Wie werden sich die Abfallverbrennungspreise entwickeln? Welchen Einfluss hat die Biotonne auf die Auslastung von Verbrennungsanlagen? Antworten gibt ein Modell, das der Anlagenbetreiber MVV Umwelt entwickelt hat.

„Dann wird es keine MBA mehr geben“


Nach Einschätzung von MVV Umwelt könnte sich in einigen Jahren ein Gleichgewicht auf dem Markt zur Behandlung von Siedlungsabfällen einstellen. Voraussetzung sei allerdings, dass die mechanisch-biologischen Abfallbehandlungsanlagen (MBA) vom Markt genommen werden.

Unter diesem Umständen könnte der Markt im Jahr 2020 ins Gleichgewicht kommen, erklärte Hansjörg Roll, technischer Geschäftsführer von MVV Umwelt, am vergangenen Montag auf der Berliner Abfallwirtschaftskonferenz. Aus Sicht des Mannheimer Konzerns ist ein solches Szenario durchaus realistisch. Auf dem Markt für Siedlungsabfälle stehen derzeit laut MVV knapp 25 Millionen Tonnen Behandlungskapazität in Müllverbrennungsanlagen (MVA) und Ersatzbrennstoff (EBS)-Anlagen zur Verfügung. Hinzu kommen rund 5 Millionen Tonnen Behandlungskapazität in MBA sowie 2,6 Millionen Tonnen Mitverbrennungskapazität in Kohlekraftwerken und der Zementindustrie. Die Gesamtbehandlungskapazität beträgt damit 32,3 Millionen Tonnen.

Dem gegenüber steht ein Aufkommen an kommunalem Siedlungsabfall und Gewerbeabfall in Höhe von 27,8 Millionen Tonnen sowie 2,5 Millionen Tonnen MBA-Output-Mengen. Daraus folgt eine derzeitige Überkapazität von 2,0 Millionen Tonnen. Da die meisten der 46 MBA in Deutschland im Jahr 2004 in Betrieb gegangen sind, stünde bei einer regulären Betriebszeit von 15 Jahren für viele Anlagen ab 2017 oder 2018 die Entscheidung an, zu reinvestieren oder die Kapazität vom Markt zu nehmen, erklärte Roll in Berlin.

Denkbar sei, die Anlagen in reine mechanische Aufbereitungsanlagen oder in Anlagen zur Bioabfallbehandlung umzuwandeln. Betrachtet man die MBA rein wirtschaftlich, so werde sich die Kapazität der MBAs stark verringern, ist sich MVV Umwelt sicher. Dementsprechend würden ab 2020 keine Kapazitäten mehr am Markt sein. Auch bei den MVAs und EBS-Anlagen werde sich die Behandlungskapazität reduzieren – um sich bis 2020 an das Abfallaufkommen zur thermischen Verwertung anzupassen. „Ab diesem Zeitpunkt erwarten wir ein Marktgleichgewicht“, erklärte Roll.

Doch selbst wenn es so käme, würde sich das Gleichgewicht nur in der deutschlandweiten Betrachtung einstellen. Im Osten und Westen Deutschlands würde sich die aktuelle Überkapazität in den kommenden Jahren zwar reduzieren, ab 2020 bliebe aber dennoch ein Kapazitätsüberschuss von etwa 500.000 Tonnen. Für den Norden erwartet MVV Umwelt langfristig ein Gleichgewicht. Im Süden Deutschlands (Bayern und Baden-Württemberg) gibt es derzeit zu wenig Verbrennungskapazitäten, dort werde langfristig 1 bis 1,5 Millionen Tonnen Abfall zu viel zur Verfügung stehen.

Für den Verbrennungspreis für Gewerbeabfall resultiert aus dem MVV-Modell ein klarer Abwärtstrend. Dort, wo Überkapazitäten bestehen, buhlen die Verbrennungsanlagen am stärksten um Gewerbeabfälle, folglich ist dort der Preisdruck am größten. Dennoch werde im Norden der Rückgang stärker ausfallen als im Osten, glaubt MVV Umwelt.

Zur Begründung verwies Roll auf die Kostenstrukturen der betreffenden Anlagen und darauf, dass der Norden am weitesten von der Überschussregion Süd entfernt ist. Anders als für den Osten sei es nicht ohne größere Kostenbelastung möglich, Abfall aus dem Süden in den Norden zu überführen. Für das Jahr 2020 erwartet MVV Umwelt einen Behandlungspreis von etwa 55 bis 60 Euro pro Tonne.

Ob nun eine Wertstofftonne eingeführt wird oder nicht, hat auf die Modellrechnungen zur Entwicklung des Marktpreises wenig Einfluss. Bei einer flächendeckenden Einführung der Biotonne jedoch würden die Preise aufgrund der rückläufigen Restabfallmenge stärker zurückgehen: MVV Umwelt schätzt die Gesamtauswirkungen des neuen Kreislaufwirtschaftsgesetzes auf etwa 5 bis 8 Euro pro Tonne.

Wie stark die Restmüllmenge mit der geplanten Getrenntsammlung von Bioabfällen ab 1. Januar 2015 zurückgehen könnte, hat MVV Umwelt für ihre Standorte in den Regionen Mannheim und Leuna (Sachsen-Anhalt) untersucht. Die Ergebnisse zeigen für die Region Mannheim einen Rückgang der kommunalen Siedlungsabfälle um bis zu 15 Prozent. Zur Kompensation der Fehlmenge würde zwar Gewerbeabfall zugeführt, aber aufgrund des höheren Heizwertes nur im Umfang von 5 Prozent. Unterm Strich reduziert sich in der Modellrechnung der Durchsatz in der Verbrennungsanlage um 10 Prozent.

Etwas höher fällt der Rückgang für die Region Leuna aus. Dort fallen 19 Prozent weniger kommunale Siedlungsabfälle an. Zum Ausgleich werden nur 6 Prozent mehr Gewerbeabfall zugeführt, so dass sich der Durchsatz der Verbrennungsanlage per Saldo um 13 verringert. In jedem Fall aber wird die Ausschleusung der tendenziell nassen biogenen Fraktion dazu führen, dass der Heizwert des verbleibenden Restabfalls steigt, was grundsätzlich zu Lasten des Durchsatzes geht.

Demgegenüber führt die mögliche Einführung einer Wertstofftonne zu keinen bedeutsamen Mengenveränderungen. Für die Regionen Mannheim und Leuna hat MVV Umwelt einen Rückgang der Restabfallmenge um je etwa 1 Prozent ermittelt

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