Erwartungen für 2016

Die Stahlindustrie in Deutschland leidet unter den Verwerfungen an den internationalen Stahlmärkten. Besserung ist keine in Sicht. Im Gegenteil: Im kommenden Jahr könnte sich die Situation weiter zuspitzen.

Stahlwirtschaft steht vor schwierigem Jahr


Das kommende Jahr 2016 könnte für die Stahlwirtschaft in Deutschland schwierig werden. Die ersten Anzeichen hierfür seien eine verschlechterte Auftragslage und ein stark eingetrübtes Geschäftsklima, erklärte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, bei einer Pressekonferenz am vergangenen Freitag in Düsseldorf. Die Stahlunternehmen seien zum Jahresende deutlich skeptischer als in den Vorjahren.

Die Wirtschaftsvereinigung geht davon aus, dass die Rohstahlerzeugung in Deutschland um 3 Prozent auf 41,5 Millionen Tonnen sinken wird. Dies wäre das niedrigste Niveau der vergangenen 20 Jahre, wenn man die Krisenjahre 1996 und 2009 ausnimmt. Im laufenden Jahr 2015 sei die Rohstahlproduktion zwar noch stabil geblieben, doch dürfe das nicht den Blick auf die „wirtschaftlich zunehmend herausfordernde Situation“ verstellen, so Kerkhoff. Zu Beginn des letzten Quartals 2015 seien die Auftragsbestände auf das niedrigste Niveau seit 2009 gefallen.

Anstieg der Ausfuhren aus China?

Die schwachen Konjunkturdaten für die Stahlindustrie stehen im auffälligem Kontrast zu den Perspektiven der großen stahlabnehmenden Branchen. So erwartet der Verband der Deutschen Automobilindustrie VDA für das kommende Jahr ein weiteres Plus bei der Inlandsproduktion von 1 Prozent. Auch die Konjunktur in der Bauindustrie ist aufwärtsgerichtet, insbesondere im Wohnungs- und öffentlichen Bau. Der Verband Maschinen- und Anlagenbau VDMA sieht für das kommende Jahr zwar kein Wachstum, aber doch eine gewisse Stabilisierung.

Die Wirtschaftsvereinigung Stahl erwartet dennoch, dass die Rohstahlproduktion im kommenden Jahr sinken wird. Grund für den Verlust von Marktanteilen sei der oft ruinöse und teilweise unfaire internationale Wettbewerb, beklagt Kerkhoff. Er befürchtet, dass sich die Ungleichgewichte auf den internationalen Märkten 2016 sogar noch einmal zuspitzen könnten. Die Einschätzung beruht vor allem drei Entwicklungen:

  • Weltweit wird sich das Kapazitätsproblem im kommenden Jahr verschärfen, glaubt die Wirtschaftsvereinigung. Zwar erwartet der Verband eine Stabilisierung der weltweiten Rohstahlproduktion, doch der Kapazitätsausbau werde anhalten. Folglich werde im kommenden Jahr weltweit die Auslastung sinken. 2015 liegt sie bei voraussichtlich 71 Prozent.
  • Vor allem in China drohen sich die Ungleichgewichte zu erhöhen: 2016 werde die Stahlnachfrage zum dritten Mal in Folge sinken (minus 3 Prozent nach einem Rückgang von 5 Prozent 2015), sagt die Wirtschaftsvereinigung voraus. Zudem komme der Kapazitätsabbau nicht voran. Die Kapazitätsüberhänge dürften 2016 daher um weitere 35 Millionen Tonnen auf ein Rekordlevel von 430 Millionen Tonnen steigen. Dies entspreche mehr als 50 Prozent der Stahlnachfrage der gesamten restlichen Welt. „Wird dieser Anstieg in ähnlichem Umfang in das Ausland exportiert wie in den vergangenen Jahren, ist ein weiteres Anschwellen der chinesischen Stahlausfuhren auf über 120 Millionen Tonnen zu befürchten“, so der Verband. In diesem Jahr lagen die Ausführen voraussichtlich bei 112 Millionen Tonnen.
  • Auch außerhalb von China befinden sich viele Märkte in einer Schieflage: In den Vereinigten Staaten leidet die Stahlnachfrage unter dem niedrigen Ölpreis, erläutert die Wirtschaftsvereinigung. In vielen Schwellenländern knüpfe das Wachstum auch im kommenden Jahr nicht an die frühere Dynamik an. Brasilien und Russland blieben im Rückwärtsgang, obwohl die Nachfrage dort bereits 2015 zweistellig gesunken sei. Trotz der weltweit schwierigen wirtschaftlichen Lage würden in vielen Schwellenländern, insbesondere in Indien, Kapazitäten ausgebaut.

WV Stahl Graphik ChinaDie Stahlindustrie befinde sich weltweit in einer Krise, der sich auch die Stahlindustrie in Deutschland nicht entziehen kann, sagte Kerkhoff. Im kommenden Jahr werde dies auch in der Stahl-Mengenkonjunktur sichtbarer werden. „Die Stahlindustrie ist hierzulande in punkto Wettbewerbsfähigkeit und Einbindung in starke industrielle Wertschöpfungsketten gut aufgestellt“, betonte Kerkhoff. „Um im aktuellen globalen Umfeld die Herausforderungen meistern zu können, braucht es dazu jedoch mehr denn je gleiche Wettbewerbsbedingungen, das heißt die Unterbindung von unfairem Handel auf dem europäischen Stahlmarkt, und in der Klimapolitik eine Ausgestaltung des Emissionsrechtehandels ohne Belastungen für die Wettbewerbsfähigkeit.“

Die Stahlrecyclingwirtschaft kann unterdessen zum Jahresende etwas aufatmen. Der Preisverfall scheint vorerst gestoppt. Im Dezember sind die vom Stahlrecyclingverband BDSV erhoben Stahlschrottpreise wieder gestiegen. Am stärksten fiel die Preissteigerung für die Sorte 4 (Shredderschrott) aus, die um durchschnittlich 13,6 Euro je Tonne zulegte. Auch Sorte 1 und 3 legten deutlich zu. Im Einzelnen liegen die Lagerverkaufspreise wie folgt:

Lagerverkaufspreise (in Euro/t) Nov 15 Okt 15 Differenz (in Euro)
Sorte 1 (Stahlaltschrott) 130,5 119,1 11,4
Sorte 2/8 (Stahlneuschrott) 146,9 137,6 9,3
Sorte 3 (Schwerer Stahlaltschrott) 148,6 137,8 10,8
Sorte 4 (Shredderstahlschrott) 157,0 143,4 13,6
Sorte 5 (Stahlspäne) 107,9 102,5 5,4

Quelle: BDSV

Mehr zum Thema
Waste-to-Energy: Weltweiter Anlagenbestand nimmt weiter zu
Irland will Zirkularitätsrate bis 2030 versechsfachen
Hamburg will Schiffsrecycling-Standort werden