Börseneinsturz in China

Das Börsenjahr 2016 hat in China mit einem Beben begonnen. Bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage wurde der Handel ausgesetzt. Das wirtschaftliche Engagement in der Volksrepublik werde immer unsicherer, sagt Sebastian Heilmann, Direktor des Mercator Institute for China Studies (MERICS), im Interview.

„Chinas Börse ist kaputt“


Professor Sebastian Heilmann ist Direktor des Mercator Institute for China Studies (MERICS) mit Sitz in Berlin. Er ist seit 1999 Professor für Vergleichende Regierungslehre/Politik und Wirtschaft Chinas an der Universität Trier. Heilmann forschte unter anderem als Visiting Fellow am Fairbank Center der Harvard University, am China Center der Universität Oxford und als Coordinate Scholar am Harvard-Yenching Institute. Das Mercator Institute for China Studies ist ein im Jahr 2013 gegründetes Institut der gegenwartsbezogenen und praxisorientierten China-Forschung mit Sitz in Berlin.

Herr Professor Heilmann, die Börse ist erneut eingebrochen. Wie bewerten Sie die aktuellen Entwicklungen?

Chinas Börse ist kaputt. Chinas Aktienmärkte galten zwar stets als Kasino. Doch selbst für Spekulanten sind sie heute zu gefährlich. Die wirtschaftspolitische Kompetenz der Regierung ist durch die wiederkehrenden Börsenabstürze nun unabweisbar beschädigt: Die Bemühungen der Regierung seit dem Sommer 2015, die Börse regulatorisch und mit Hilfe gewaltiger Finanzspritzen in den Griff zu bekommen, sind gescheitert. Gleichzeitig zeigen auch andere Wirtschaftsindikatoren, dass Maßnahmen der Regierung zur wirtschaftlichen Stimulierung bislang nicht so greifen wie erhofft.

Was bedeutet der Börsencrash für die chinesische Realwirtschaft?

Der Zustand von Chinas Börsen hat nie direkt die Entwicklung der Realwirtschaft widergespiegelt. Aber die chinesische Regierung wollte sie verstärkt als Instrument der Kapitalaufnahme – auch für hoch verschuldete chinesische Staatsunternehmen – nutzen. Wenn nach den Banken nun auch die Börse nicht mehr als Kapitalquelle in Frage kommt, wird sich dies unmittelbar negativ auf die Wirtschaftsentwicklung auswirken.

Was müsste passieren, um die Börse wiederzubeleben?

Vertrauen unter Anlegern wird erst dann wieder zu gewinnen sein, wenn alle börsennotierten Firmen erweiterten  Berichts- und Offenlegungspflichten unterzogen werden und auf dieser Basis eine Neubewertung oder gar einen Rückzug von der Börse durchlaufen. Mit punktuellen regulatorischen Eingriffen wird der Vertrauensverlust nicht zu reparieren sein. Die chinesische Regierung muss die Börse und börsennotierte Unternehmen völlig neuen Regeln unterstellen. Da die Regierung aber die Kontrolle über die Börse behalten will, sind derart weitreichende Schritte unwahrscheinlich.

Worauf müssen sich deutsche Investoren und Unternehmer einstellen?

Ich rechne mit einer stark rückläufigen Investitionstätigkeit in China und auch in Deutschland. Denn Engagements in China werden immer unsicherer. Insbesondere Deutschlands Automobil-, Maschinenbau- und Chemie-Industrien sind durch negative Entwicklungen in China verwundbar.

Chinas Wirtschaft steckt mitten in einem tiefgreifenden Umbruch. Es verdichten sich die Anzeichen, dass mit einem deutlichen Einbruch des Wirtschaftswachstums in den nächsten Jahren zu rechnen ist. Da China in den letzten zehn Jahren als Wachstumslokomotive für die Weltwirtschaft diente, wird jeder Einbruch in China auch die Handelspartner und Investoren in Mitleidenschaft ziehen, die in der jüngsten Vergangenheit vom China-Boom profitiert hatten.

Die Schwierigkeiten im chinesischen Markt bringen allerdings auch Chancen für den Standort Deutschland mit sich: Die verschlechterten Investitionsbedingungen und die wirtschaftliche Ungewissheit in China machen deutsche Investitionsziele attraktiv. Deutsche Unternehmen, Immobilienmärkte und Start-up-Standorte könnten für chinesische Investoren eine wichtige Option werden. Insgesamt rechne ich mit einem beschleunigten Kapitalabfluss aus China heraus und einer verstärkten Suche nach Investitionschancen im Ausland durch chinesische Kapitalgeber.

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