Gastbeitrag
Die Veröffentlichung von Nachhaltigkeitsberichten wird für Unternehmen unumgänglich werden. Auch kleinere Unternehmen können künftig betroffen sein. Speziell für die Recyclingbranche können die Berichte von hohem Nutzen sein. Von Marion Eisenmann und Dr. Beate Kummer.
Wettbewerbsvorteile durch Nachhaltigkeits-Berichte
Von Marion Eisenmann und Dr. Beate Kummer, Kummer:Umweltkommunikation GmbH
Die Veröffentlichung von Nachhaltigkeitsberichten wird für börsennotierte Unternehmen und für Unternehmen von öffentlichem Interesse mit mehr als 500 Mitarbeitern aufgrund der politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen in Zukunft unumgänglich sein.1 Durch die Richtlinie 2014/95/EU „zur Angabe nicht-finanzieller und die Diversität betreffender Informationen durch bestimmte große Unternehmen und Gruppen“, die in Deutschland von der Bundesregierung unterstützt wird2, bis zum 6. Dezember dieses Jahres vom Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) in deutsches Recht umgesetzt wird und ab 1.1.2017 gilt3, können auch kleinere Unternehmen betroffen sein, wenn sie über die Lieferkette mit verpflichteten Unternehmen zusammenarbeiten4,5.
Speziell für die Recyclingbranche, die an sich ein nachhaltiges Geschäftsmodell steht, kann eine transparente Nachhaltigkeitsberichterstattung von hohem Nutzen sein und zu einem Wettbewerbsvorteil führen. In einer emnid-Befragung aus dem Jahr 2002 waren fast 90 Prozent der Führungskräfte überzeugt, „dass nachhaltig ausgerichtete Unternehmen langfristig einen größeren wirtschaftlichen Erfolg haben als ausschließlich profitorientierte Firmen“6.
Messbare Kennzahlen für den Vergleich
Nachhaltigkeits-oder CSR(Corporate Sustainability Reports)-Berichte enthalten die unternehmensspezifischen Umweltauswirkungen und ökonomische Kennzahlen. Es wird über soziale und Arbeitnehmerbelange berichtet sowie über die Achtung der Menschenrechte und über Bekämpfung von Korruption und Bestechung eines Unternehmens.5 Heute gibt es bereits zahlreiche praktische Anleitungen für die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Beispielsweise wurden durch die Global Reporting Initiative (GRI), den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) und den United Nations Global Compact (UNGC) Indikatoren vorgeschlagen, die eine hervorragende Grundlage für Nachhaltigkeitsberichte darstellen. Durch die Anwendung derartiger Initiativen und die Berichte über entsprechende Kennzahlen können langfristige Nachhaltigkeitsmanagementsysteme etabliert werden.
Wichtig ist vielen Initiativen ebenso, eine Vergleichbarkeit der Unternehmen durch die Offenlegung von sogenannten „Nachhaltigkeits-Leistungsindikatoren“ oder auch „Key Performance Indicators“ zu erreichen. Diese stellen messbare Kennzahlen dar, die den Vergleich zwischen Unternehmen ermöglichen und den Zielerreichungsgrad nachhaltiger strategischer Ziele aufzeigen. Eine Übersicht über Nachhaltigkeitsstandards und – initiativen hat das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit veröffentlicht7.
Spezielle Leistungsindikatoren
Inzwischen wurden von vielen global agierenden Unternehmen über mehrere Jahre hinweg Nachhaltigkeitsberichte erstellt und weiter entwickelt. Die Mehrzahl dieser Berichte wurde auf Basis der GRI-Richtlinien veröffentlicht, aktuell in der Version GRI-G4.
Ein neuer Trend in der Berichterstattung ist die Integration der nichtfinanziellen Informationen in den Wirtschaftsbericht8. Auch in der Entsorgungs-und Energiebranche werden Nachhaltigkeitsberichte erstellt, von einigen Unternehmen bereits seit vielen Jahren. Es werden überwiegend die GRI-Standards angewendet. Energieunternehmen wie EnBW AG und RWE SE scheinen hier eine Vorreiterrolle zu übernehmen, sie verfassen sehr ausführliche transparente Berichte, teilweise schon in integrierter Form9. Prinzipiell sind die Nachhaltigkeitsberichte in zwei Teile gegliedert resultierend aus den Anforderungen der GRI-Richtlinie. Diese fordert einen allgemeinen, das Unternehmen beschreibenden Teil, und zusätzlich die Veröffentlichung der speziellen Leistungsindikatoren, die durch konkrete Messgrößen charakterisiert sind (z.B. Vermeidungsziele für Abfallmengen, Reduzierung des Ausstoßes von Emissionen).
Im allgemeinen Teil wird das Unternehmen beschrieben: seine Größe, die Produkte und Dienstleistungen, Standorte, Mitarbeiterkennzahlen, die Führungsgremien, wichtige finanzielle Kennzahlen sowie die Unternehmensstrategie und ethische Grundsätze werden analog den Geschäftsberichten transparent und informativ dargestellt.
Zwei wichtige Gesichtspunkte

Das Unternehmen Interseroh hat in seinem Nachhaltigkeitsbericht eine Relevanzanalyse veröffentlicht. Diese wurde aufgrund einer Analyse von internationalen Medienberichterstattungen über Interseroh und die Recyclingbranche hinsichtlich Nachhaltigkeitsthemen erstellt. Außerdem fand eine Managementbefragung bezüglich der Auswirkung dieser Themen auf den Geschäftserfolg statt. Diese so entwickelte Matrix diente der Unternehmensführung von Interseroh zur Festsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie und der nachhaltigen Ziele.
Im Gegensatz zum üblichen Geschäftsbericht wird von einem Nachhaltigkeitsbericht erwartet, dass in der veröffentlichten Unternehmensstrategie Nachhaltigkeitsziele definiert sind. Aufgrund der Forderung dieser zwei komplexen Bausteine in der Nachhaltigkeitsberichterstattung werden Unternehmen indirekt gezwungen, sich mit nachhaltigen Themen auseinanderzusetzen. Die mehrjährige Erfahrung für die Veröffentlichung von Nachhaltigkeitsberichten zeigt den Unternehmen die „Performance“. Das heißt, werden Nachhaltigkeitsziele festgelegt (z.B. Verminderung der Abfallmenge pro ausgestoßenem Produkt, Rendite stabilisieren, familienfreundliche Arbeitsplätze einführen), kann im Mehrjahresvergleich die Einhaltung der Ziele überwacht werden. Das Unternehmen Veolia nennt folgende konkreten Ziele, die es bis 2020 erreichen möchte: Mehr als 60 Prozent des Methangases aus Mülldeponien soll zur Energiegewinnung genutzt werden, die Investitionsausgaben sollen an allen Standorten über 80 Prozent betragen, die Arbeitsunfallfrequenz soll auf weniger als 6,5 Unfälle pro Mio. Arbeitsstunden sinken und die Trainingsquote der Mitarbeiter soll auf über 80% steigen10. Interseroh nennt als strategische Ziele jährlich mindestens 50 Mio. Tonnen Rohstoffe einzusparen und konkrete Projekte mit Kunden durchzuführen, um Recyclingmaterial zu verwenden anstelle neu produzierter Kunststoffe11.
Typische Nachhaltigkeitsindikatoren
Die Erfahrung in verschiedenen Branchen zeigt, dass die Einhaltung von Nachhaltigkeitszielen zu Wettbewerbsvorteilen führen kann. In einer Studie werden dazu folgende Aspekte genannt: Kosteneffizienz (Energieeffizienz, Materialeffizienz), Risikoreduzierung durch verbessertes Risikomanagement, Aufbau und Schutz der Reputation und ggf. der Marken, Motivation der Mitarbeiter, Anziehung und Halten von Talenten, Förderung von Innovationen, Festigung der Kundenbeziehungen, Entwicklung von neuen Geschäften durch neue Produkte und /oder Erschließung neuer Märkte sowie die Verbesserung der Investor Relations12.
Bei der Analyse von existierenden Nachhaltigkeitsberichten aus der Recyclingbranche können einige spezifische Nachhaltigkeitsindikatoren identifiziert werden, die besonders häufig berichtet werden und somit für die Branche und deren mittelfristige Strategie als bedeutsam angesehen werden. Sie sind nachfolgend in Tabelle 1 aufgelistet:
Vergleicht man diese Auswahl der Indikatoren mit anderen Branchen, stellt man fest, dass diese spezifischen Indikatoren branchenübergreifend in den meisten Nachhaltigkeitsberichten enthalten sind. Gründe dafür könnten sein, dass die Zahlen leicht zu erfassen sind, Berichtspflichten vorliegen (z.B. wegen Rechtsform des Unternehmens) oder gesellschaftlich sehr relevant sind. Auffallend dagegen ist, dass die Themen Lieferkette, Produktverantwortung, Menschenrechte und Ressourcenverbrauch in der Entsorgungsbranche nicht als strategisch relevant erachtet werden, weil aus diesen Kategorien nur vereinzelt Leistungsindikatoren veröffentlicht worden sind.
Schlussendlich ist festzustellen, dass es für die Recyclingindustrie von großem Interesse sein sollte, Nachhaltigkeitsberichte auf Basis der aktuellen GRI-G4-Richtlinie zu verfassen. So können die Wettbewerbsvorteile, die sich durch nachhaltiges Unternehmensmanagement ergeben, genutzt werden. Durch die Entwicklung brancheneigener spezifischer nachhaltiger Leistungsindikatoren könnten die nachhaltigen Aspekte des Recyclings im Vergleich mit anderen Unternehmen und anderen Branchen hervorgehoben werden. Die Entwicklung spezifischer Branchenindikatoren könnte von den Branchenverbänden bvse, BDE, BDSV, VKU und VDM vorangetrieben werden. Der von der Bundesregierung eingesetzte Nachhaltigkeitsrat könnte hierbei unterstützend tätig werden.
Literaturverzeichnis:
1 (Redaktion QZ, 2014); (Europäische Kommision , 2015)
2 (Bundesministerium für Arbeit und Soziales, 2016)
3 (Klimareporting.de, 2016)
4 (KPMG AG, 2015, S. 3)
5 (Hecker, 2015, S. 5)
6 (4managers.de, 2016)
7 (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, 2014)
8 (IIRC, 2013)
9 (Eisenmann, 2015, S. 23ff)
10 (Veolia, 2014b, S. 24, 86, 131)
11 (Interseroh (Alba Group), 2014, S. 24f)
12 (Loew & Clausen, 2010)
