Marktbericht für Edelmetalle
Das erste Halbjahr verlief für den Gold- und Silberpreis erfreulich. Etwas verhaltener ist die Bilanz für Platin und Palladium. Für die Preisentwicklung im zweiten Halbjahr sind die Rahmenbedingungen unsicher geworden. Experten wagen dennoch einen Ausblick.
Höhenflug von Gold und Silber kurbelt Recycling an
Von Sonia Hellwig und Florian Richard, Heraeus Metals Germany GmbH & Co. KG.
Glänzendes erstes Halbjahr für Gold
Die rückläufige Kursentwicklung des Vorjahres fand 2016 ein schnelles Ende: Bereits im Januar setzte Gold zu einem Höhenflug an, so dass das Metall Mitte Februar die 1.200 US-Dollar/oz Marke übersprang und danach zunächst in einer Bandbreite von 1.200 bis 1.300 US-Dollar/oz oszillierte, bevor es nach dem Ergebnis des Brexit-Referendums bis auf 1.360 US-Dollar/oz kletterte.
Gold legte damit im 1. Halbjahr 2016 um rund 25 Prozent zu, nur Silber und Öl legten mit rund 35,5 Prozent beziehungsweise 33 Prozent noch stärker zu. Auslöser für den Preisanstieg war erneut die Zinspolitik der US-Notenbank. Nachdem sie die Leitzinsen im vergangenen Jahr angehoben hatte, hielten viele Marktteilnehmer dies bereits für eine generelle Trendumkehr in der US-Zinspolitik.
Durchwachsene Wirtschaftsdaten führten jedoch schnell zu einem Umdenken. Die Leitzinsen wurden nicht weiter erhöht und momentan sieht es auch nicht so aus, als ob dies vor Jahresende passieren wird. Traditionell wirken niedrige Zinsen positiv auf den Goldpreis.
Anstieg der Barrennachfrage
Zu den größten Käufern zählten im ersten Halbjahr die ETFs, deren Bestände im Juni den höchsten Stand seit Oktober 2013 erreichten. Sie legten damit seit Jahresbeginn um rund 14 Millionen Unzen zu. Neben den ETFs zählten die russische und die chinesische Zentralbank zu den Hauptnachfragern. Die Notenbanken dieser Länder streben eine größere Unabhängigkeit von der Leitwährung US-Dollar an – eine Entwicklung, die auch im zweiten Halbjahr anhalten dürfte.
Für die verbleibenden sechs Monate gehen wir auch wieder von einem Anstieg der Barren- und Münznachfrage aus. Vor allem in Europa ist nach der Brexit-Entscheidung die Unsicherheit unter den Investoren gestiegen. Nachdem diese auf den deutlichen Preisanstieg zunächst mit Gewinnmitnahmen reagierten, dürften kurz- und mittelfristig wieder Käufe einsetzen.
Das Gold-Angebot bleibt hingegen weitgehend stabil. In Indien werden die höheren Goldpreise vermutlich das Recycling attraktiver machen und volumenmäßig den Rückgang des Recyclings in anderen Regionen ausgleichen. Der hohe Goldpreis wirkt dort aber auch auf die Nachfrage von Schmuck, die zunächst unter den Erwartungen zu Jahresbeginn zurückblieb.
Insgesamt dürfte aber die Goldnachfrage aus Indien und China wieder steigen. Das durch den Brexit verursachte Chaos in den Märkten sorgt für weiteren Zündstoff. Die bereits seit langer Zeit von der US Fed geplante Zinserhöhung dürfte in diesem Umfeld in weite Ferne rücken. Die Kombination aus beidem wird Gold stützen. Wir sind daher für das 2. Halbjahr 2016 weiter positiv gestimmt und erwarten eine Handelsspanne zwischen 1.200 US-Dollar/oz und 1.450 US-Dollar/oz bei einem Durchschnittskurs von 1.350 US-Dollar/oz.
Silber weiter mit positivem Ausblick
Nachdem Silber in 2015 vom Hoch bei 18,50 US-Dollar/oz bis auf 13,65 US-Dollar/oz fiel, schaffte es im ersten Halbjahr 2016 den Turnaround im Sog von Gold. Wie von uns erwartet, wurde das Edelmetall Überperformer gegenüber Gold. Mit einem Wertzuwachs von 35,5 Prozent übertraf es per Juni 2016 die Edelmetalle Gold (+25 Prozent) und Platin (+15 Prozent).
Ab Anfang März stiegen auch die Silber-ETF-Bestände deutlich und unterstützten die Entwicklung des Edelmetalls. Sie bewegten sich Ende Juni mit Beständen in Höhe von 17.000 Tonnen in der Nähe des Allzeithochs von 2014. Einmal mehr etablierte sich Silber so als „sicherer Hafen“ neben Gold, unter anderem auch nach der Brexit Entscheidung.
Getragen wurde diese Entwicklung zu immer wieder neuen Jahreshochs durch die schwache wirtschaftliche Entwicklung in den USA und den damit verbundenen mehrfachen Verschiebungen von Zinserhöhungen der Fed. In China ist das befürchtete „hard landing“ ausgeblieben, die Volkswirtschaft wächst immer noch mit Raten von 6-7 Prozent.
Nachfrage übersteigt Angebot
Im vierten Jahr in Folge ist für 2016 mit einem Angebotsdefizit beim Silber zu rechnen. Die Minenindustrie, aber auch das Silber-Recycling wird dabei wohl Volumenbeiträge in Höhe des Vorjahres liefern. Da Silber zu 70 Prozent ein „Nebenprodukt“ von Gold, Kupfer, Blei oder Zink ist, ist nicht auszuschließen, dass die primäre Produktion leicht sinken kann. Aufgrund der tieferen Preise für diese Metalle wurde teilweise die Produktion gedrosselt.
Auf der Nachfrageseite ist ein leichtes Wachstum aus der Industrie und dem Schmuckbereich zu verzeichnen. Die Photovoltaikindustrie in Asien wächst wieder deutlich. Der anhaltende Nachfragerückgang der Fotoindustrie setzt sich dagegen ungebremst fort. Seitens der Investoren ist die Nachfrage nach Silbermünzen weiter auf sehr hohem Niveau und dürfte volumenmäßig ebenso wie die Nachfrage nach ETFs im weiteren Verlauf des Jahres stark bleiben. Aus charttechnischer Sicht würde die Beibehaltung des aktuellen Trends zu Silberpreisen über 20 US-Dollar/oz bis Jahresende führen.
Insgesamt ist der Ausblick für Silber in 2016 weiterhin positiv, was sich mit unseren Einschätzungen seit Jahresbeginn deckt. Daher erwarten wir für das zweite Halbjahr Silber Kurse zwischen 15,80 US-Dollar/oz und 21,00 US-Dollar/oz, im Durchschnitt bei 18,00 US-Dollar/oz.
Platin lässt 2016 das 7–Jahres–Tief hinter sich
Bei der Schmucknachfrage ging der Platin-Bedarf im Hauptmarkt China zurück, konnte aber durch Zuwächse in Indien ausgeglichen werden. In Summe ist zu erwarten, dass die Platin-Nachfrage aus dem Schmuckbereich in diesem Jahr leicht steigen wird.
Wachstumsimpulse für Platin kommen aus der chemischen und petrochemischen Industrie sowie Mengenzuwächse aus der Glasindustrie und der Medizintechnik. Die durch den Brexit verursachte Unsicherheit kann zu einem deutlich geringeren Wirtschaftswachstum in Europa führen. Dies kann aufgrund der Diesellastigkeit der europäischen Märkte zu einem geringeren Platinverbrauch in der Automobilindustrie führen.
Für das zweite Halbjahr 2016 erwarten wir für Platin eine erhöhte Bandbreite von 850 US-Dollar/oz bis 1.125 US-Dollar/oz, und im Durchschnitt einen Wert von 990 US-Dollar/oz.
Palladium mit langfristigem Potenzial
Mit einem Rückgang unter die 500 US-Dollar Marke startete Palladium in das Jahr 2016 und setze damit seine Talfahrt aus dem Vorjahr fort. Gute Zahlen aus der Automobilindustrie in den USA und China brachten zunächst keine Trendumkehr, da die Entwicklungen bereits eingepreist waren.
Wochenlang bewegte sich der Palladiumpreis um die 500 US-Dollar/oz Marke. Erst Anfang März bekam Palladium wieder Aufwind und bewegte sich im weiteren Verlauf Richtung 600 US-Dollar/oz. Gestützt durch gute Automobilabsatzzahlen in China wurde anschließend das bisherige Jahreshoch von 639 US-Dollar/oz erreicht, bevor sich der Preis im Juni bei 550 US-Dollar/oz eingependelte; diesen Wert hatten wir als Durchschnittswert für das erste Halbjahr 2016 erwartet.
Die Zukunft von Palladium wird im Wesentlichen weiter von der Automobilindustrie abhängen, die ca. 2/3 des Verbrauchs ausmacht. Im Ausblick bleibt die Erwartung, dass Palladium mit strengeren Vorschriften im Zuge des Abgasskandals jetzt wieder stärker in den Fokus der Autobauer rücken könnte. Dem gegenüber steht die Gefahr, dass ein durch den Brexit schwächeres Wachstum in Europa und eine weniger dynamische Entwicklung der Autoindustrie in den Schwellenländern belastend wirken.
Auf der Angebotsseite hat eine höhere Minenproduktion das Defizit beim Palladium im vergangen Jahr reduziert, 2016 dürfte sich dieses jedoch wieder ausweiten. Aufgrund der allgemein schwachen Entwicklung in den Rohstoffmärkten sehen wir von der Investorennachfrage nur begrenztes Potenzial. Für das zweite Halbjahr 2016 erwarten wir daher unverändert ein Bandbreite für Palladium zwischen 450 US-Dollar/oz und 650 US-Dollar/oz bei einem Durchschnittswert von 550 US-Dollar/oz.



