Klärschlamm

Was tun, wenn die Klärschlammverwertung an die neuen Vorgaben angepasst werden muss und am selben Ort auch eine MVA steht? Dann wäre denkbar, beides zu kombinieren, um Synergieeffekte zu erzielen. Ein Bericht aus der Praxis.

Vom Vorhaben, eine Klärschlamm-Verbrennungsanlage in den MVA-Betrieb zu integrieren


Wer den Blick auf den aktuellen Auslastungsgrad von Abfallverbrennungsanlagen richtet, kommt nicht auf die Idee, dass die Betreiber sich wirtschaftliche Sorgen machen müssen. Doch wer den Blick in die Zukunft richtet, kommt möglicherweise zu einem anderen Schluss.

Verantwortlich hierfür sind die Trends zur Abfallvermeidung und mehr Recycling. Beides hat das Potenzial, das Aufkommen an Restabfall zu drosseln. MVA-Betreiber haben die Trends längst erkannt und ziehen ihre eigenen Schlüsse. „Der Mengenzenit scheint erreicht“, meint etwas Manfred Becker, Geschäftsführer der MVA Bonn.

Er und seine Kollegen haben daher neue Optionen diskutiert. Im Kern ging es darum, wie man für die MVA Bonn ein neues Markt- und Entsorgungssegment erschließen kann. Beflügelt wurden die Überlegungen von der neuen Klärschlammverordnung, die bis 1. Januar 2029 die Rückgewinnung von im Klärschlamm enthaltenem Phosphor vorschreibt.

Zwar gibt es in Bonn schon eine Klärschlamm-Verbrennungsanlage, aber die ist bereits 35 Jahre alt. Die Anlage hat auch nur eine Jahresdurchsatzleistung von etwa 7.500 Tonnen und ist obendrein „stark erneuerungsbedürftig“, wie Becker bei der Berliner Energie- und Abfallwirtschaftskonferenz unlängst erläuterte. Es stellte sich also die Frage, wie man die Klärschlammverwertung auf zukunftsfähige Beine stellt – und zugleich die MVA davon profitieren kann.

Gutachter prüften verschiedene Optionen

Um eine belastbare Entscheidungsgrundlage zu bekommen, hat die Stadt Bonn ein Gutachten in Auftrag gegeben. Eine Modernisierung der alten Klärschlamm-Verbrennungsanlage schlossen die Gutachter relativ schnell aus. Zum einen sei kaum Platz für Ausbau und Optimierung. Und zum anderen würden entsprechende Maßnahmen die ohnehin schon hohen Abwassergebühren noch mehr erhöhen. Der Betrieb sei mit einer Jahresdurchsatzleistung von jährlich etwa 7.500 Tonnen vergleichsweise teuer.

Die zweite Option, das Material einfach in der Müllverbrennung zu geben, kam ebenfalls nicht infrage. Zwar hätten sich in der Analyse hinsichtlich Verfahrenstechnik, Elektro- und Leittechnik, Thermodynamik, Feuerungsregelung und Abgasreinigung im Kern erhebliche Analogien ergeben, erklärte Becker. Jedoch seien zur Behandlung von Klärschlamm mit einer Trockensubstanz von bestenfalls 25 Prozent andere verfahrenstechnische Schritte als für festen, selbstgängig brennbaren Abfall nötig.

Deshalb legten sich die Gutachter auf das Konzept einer separaten Klärschlamm-Verbrennungsanlage auf dem Gelände der MVA Bonn fest. Als Anlagentechnik wurde die stationäre Wirbelschichtfeuerung mit vorheriger Trocknung eines Klärschlammteilstroms empfohlen. Der Jahresdurchsatz solle bei etwa 35.000 Tonnen Trockensubstanz (Klärschlamm + Papierschlamm) pro Jahr liegen.

Mit dieser Variante kann nämlich auch das Ziel erreicht werden, eine temporäre Monoverbrennung von Papierschlamm in der neuen Anlage zu ermöglichen. Auf diese Weise lässt sich wiederum ein Sorbens nach der Rezeptur der Firma MinPlus herstellen. Dieser Sorbens wird in der MVA Bonn schon seit geraumer Zeit eingesetzt und verbessert laut Becker die Schadstoffabscheidung aus dem Abgas und mindert Verschmutzungen in Kessel und Abgasreinigungseinrichtungen.

Viele Vorteile, viele Hürden

Von dem Konzept ist Becker überzeugt. Denn das Konzept verspricht Synergien in den Bereichen Infrastruktur, Betriebsmittelbeschaffung (Sorbens) und Personal inklusive Overhead. Des Weiteren werde der städtische Haushalt entlastet. Ferner profitierten die Gebührenzahler, sowohl bei den Abwasser-, als auch bei den Abfallgebühren.

Hinzu kämen noch weitere Vorteile:

  • neue Arbeitsplätze
  • Reduktion der spezifischen Betriebskosten für die Abfallverwertung
  • weitere Kostenvorteile durch den Entfall der Brüdenkondensation und die Nutzung von Schnittstellen zur MVA
  • Standortsicherung sowie Risikodiversifizierung aufgrund der Erweiterung des Brennstoffportfolios um eine langfristig solide, von den Abfallmärkten völlig unabhängige Komponente
  • aus Sicht des Kläranlagenbetreibers (Tiefbauamt): Entlastung vom Betrieb der bisherigen Klärschlammverbrennungsanlagen, Verzicht auf die Modernisierung mit Entsorgungsengpässen während der Neubaumaßnahme am Standort, Zuwachs von Freiflächen

Aber trotz der vermeintlichen Vorteile hängt das Vorhaben immer noch in der Konzeptphase fest. Als Haupthürde erweist sich Becker zufolge die Skepsis bei politischen Entscheidungsträgern und Öffentlichkeit. „Vordergründig werden von Gegnern in erster Linie die zusätzlichen Lkw-Transporte in die Stadt angeführt“, erklärt er. „Tatsächlich kommt aber immer wieder die Frage auf ‚Warum sollen in dieser Stadt die Klärschlämme anderer verbrannt werden?“

Außerdem stelle die geplante Klärschlamm-Verbrennungsanlage hohe Anforderungen an die Emissionen. Insbesondere die im Durchschnitt bei etwa 80 Milligramm je Normkubikmeter liegenden NOx-Werte seien für die Klärschlamm-Papierschlamm-Kombianlage eine Herausforderung. Damit seien sowohl finanzielle und betriebliche Zusatzbelastungen verbunden, sagte Becker.

Ein weiterer Aspekt sei, dass eine Klärschlammverbrennungsanlage in der skizzierten Größenordnung erst ab einem Einzugsgebiet von etwa 1,2 bis 1,4 Millionen Einwohnern ausgelastet werden kann. Hier profitiere allerdings das Konzept von der im Abfallentsorgungsbereich bereits aufgebauten kommunalen Kooperation der Stadt Bonn mit benachbarten Kreisen (REK).

Wie es nun weitergeht? In erster Linie wird es darum gehen, sich mit den Gegnern der Klärschlamm-Verbrennungsanlage auseinanderzusetzen. Das Vorhaben sei ein äußerst emotionales Thema, sagte Becker. Leider stoße der Begriff des Gemeinwohls bei vielen schnell an individuelle Grenzen. Hier sei noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

 

© 320°/bs | 15.03.2018

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