Interview

Vollautomatische Sortiersysteme mit künstlicher Intelligenz versprechen einige Vorteile. Vor allem bei Qualität und Kosten werden solche Anlagen überzeugen, erklärt Gereon Neuhaus vom Anlagenhersteller Doppstadt im Interview. Doppstadt testet ein solches System und will es schon bald am Markt anbieten.

„Die Roboterarme sortieren alle 1,5 Sekunden“


Der Umwelttechnik-Anbieter Doppstadt hat seinen Sitz in Velbert, Nordrhein-Westfalen. Das Unternehmen bietet unter anderem Trommelsiebmaschinen und Sortierhäuser im Bereich der Umwelt- und Recyclingtechnik sowie der Separation an. Zum Portfolio zählen auch Vor- und Feinzerkleinerer sowie Mischer und Umsetzer für die Bioaufbereitung.

Herr Neuhaus, Doppstadt hat gemeinsam mit OP teknik auf der diesjährigen IFAT eine vollautomatische Sortieranlage präsentiert, die mithilfe von Robotern funktioniert. Ist das die Zukunft des Recyclings?

Doppstadt
Doppstadt

Als Lösungsanbieter im Bereich Recyclingtechnologie sind wir überzeugt, dass für einige Materialien die automatisierte Trennung durch „robotic picking“ in den Punkten Qualität, Geschwindigkeit und Kosten überzeugen wird. Aus diesem Grund sind wir mit der auf Automatisierungstechnik spezialisierten OP teknik, einer Tochter der schwedischen OP Group, mit der wir schon viele Jahre kooperieren, eine Partnerschaft eingegangen. Das Ziel ist es, OP teknik bei der Entwicklung des „robotic picking“ im Bereich Recycling zu unterstützen.

Wie genau sieht diese Unterstützung aus?

Doppstadt begleitet OP teknik beim letzten „Finetunig“ der Roboter-Einheit für ein optimales „Picking“ in unterschiedlichen Materialien. Dabei wird gemeinsam mit OP teknik das geforderte Sortierergebnis besprochen, und Doppstadt stellt insbesondere die Maschinentechnik für die Materialvorbereitung. Das heißt, es werden Shredder in unterschiedlicher Ausstattung und Leistung sowie unterschiedliche Sortiertechnik zur Verfügung gestellt. Dies ist ein wichtiger Schritt, um das gewünschte Sortierergebnis der Roboter-Einheit zu erreichen und den Endkunden genaue Leistungsdaten geben zu können.

Bislang ist Doppstadt eher bekannt für Shredder zur Abfallholzzerkleinerung, Siebtechnik und Spezialmaschinen für die Kompostgewinnung. Wie passt die Zusammenarbeit mit OP teknik ins Bild?

Doppstadt ist schon lange kein reines Spezialmaschinenbau- oder Recyclingtechnologie- Unternehmen mehr, sondern berät Kundenanforderungen vollumfänglich. Mit der Partnerschaft unterstreichen wir unseren Anspruch im Bereich Recyclingtechnologie innovative und gesamtheitliche Verfahrenslösungen voranzutreiben.

Das Sortiersystem trägt den Namen ‚Selma‘. Was kann Selma leisten?

Selma steht für „Select Material“. Das System kann vollautomatisch vermischte und verklebte Abfälle separieren. Ausgeschleust werden können Holz, Gips, Stein, Beton/Ziegel sowie Metall, Braune Pappe, darüber hinaus Schaumgummi, Polyethylen, Styropor und vieles mehr. Aktuell wird klassischer Baumischabfall im Realbetrieb getestet. Außerdem stehen in Kürze „robotic picking“-Tests mit Metallen/Schrotten an.

Inwieweit müssen die Abfälle für Sortierung aufbereitet werden?

Das Inputmaterial wird durch bewährte Doppstadt-Technologien – Shredder, Siebtechnik, Spiralwellentrennung und so weiter – aufbereitet. Um eine saubere Erkennung der Abfallart zu gewährleisten, ist eine entsprechende Stückgröße erforderlich. Hinzu kommt, dass die Mengen für ein konfliktfreies „robotic picking“ nicht zu groß sein dürfen.

Und was genau passiert während des Sortierprozesses?

Das geshredderte, zu sortierende Material wird aus einem „Bunker“ heraus mittels angepasster Verteilertechnik auf das Förderband mit den Robotern aufgelegt. Dann durchläuft es einen sogenannten Erkennungsprozess. Mithilfe von Kameras und leistungsfähigen Sensoren nimmt „Selma“ den Müllstrom ins Visier. In Echtzeit identifiziert die Software dann das Material im Hinblick auf Größe, Position und Art auf dem Sortierband. Mit diesen Informationen versorgt, greifen die Roboterarme zu und sortieren die vorgewählten Materialien alle 1,5 Sekunden.


Video: Sortiersystem ‚Selma‘ (leider ohne Ton)

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Das finnische Unternehmen ZenRobotics bietet ebenfalls ein Roboter-Sortiersystem an. Was unterscheidet ‚Selma‘ vom ‚ZenRobotics Recycler‘?

Der wesentliche Unterschied ist, dass unser Konzept den gesamten Prozess abbildet, also auch die Materialaufbereitung beinhaltet. Die langjährige Erfahrung und das Wissen von Doppstadt im Bereich Recycling diesbezüglich und die Bündelung dieses Know-hows mit modernster Automatisierungstechnik von Op teknik ist in dieser Kombination einmalig. Unser Ziel ist es nicht unbedingt, Material für eine nachfolgende Verbrennung vorzubereiten, sondern zu recyceln. Uns geht es nicht um einen Wettkampf ‚wer hat die beste IT-Technik‘, sondern um die beste Gesamtlösung.

Sie sagen, dass Sie das System derzeit testen. Welche Erkenntnisse haben Sie bis dato gewonnen?

„Selma“ wurde bereits vollständig mit unterschiedlichsten Materialien unter „Laborbedingungen“ getestet. Derzeit läuft das „Finetuning“ in einer klassischen Umgebung bei einem großen Kunden in Schweden. Wie schon gesagt, wird aktuell die Trennung von Baumischabfall erprobt. Hierbei mussten wir feststellen, dass die richtige Materialvorbereitung einen entscheidenden Einfluss auf ein effizientes Picking-Verhalten der Roboter-Einheit hat.


leistungsdaten-selma (3)


Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Es gibt von allen namhaften Entsorgungsdienstleistern der Recyclingwirtschaft sehr großes Interesse und zum Teil bereits intensive Gespräche über Einsatzmöglichkeiten und mögliche Tests. Wir werden die „Finetuning“-Phase gemeinsam mit OP teknik dieses Jahr abschließen und gehen dann in die jeweiligen Einzelgespräche.

Ab wann und in welcher Stückzahl pro Jahr will Doppstadt ‚Selma‘ vermarkten?

Über feste Stückzahlen sprechen wir im Moment noch nicht. Ich denke, aber dass wir das System gemeinsam mit OP teknik ab Beginn des kommenden Jahres fest in unserem Portfolio haben werden.

Was wird das System kosten?

Auch einen festen Preis können wir aktuell noch nicht nennen, weil in der ersten Vermarktungsphase die „robotic picking“-Lösung jeweils auf die einzelnen und speziellen Anforderungen der Kunden angepasst wird.

 

© 320° | 22.08.2018
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