Verpackungsgesetz

In wenigen Tagen tritt das Verpackungsgesetz in Kraft. Eine der zentralen Forderungen: Gesammelte Leichtverpackungen sollen im Mittel zu 50 Prozent recycelt werden. Doch Entsorger bezweifeln, dass die Quote im kommenden Jahr schon erreicht werden kann.

LVP-Recycling: Ist die neue Quote zu hoch gesteckt?


Ist die Quote zu ambitioniert? Am 1. Januar tritt das neue Verpackungsgesetz in Kraft und ab dann muss in Deutschland jedes Jahr im Mittel die Hälfe aller gesammelten Leichtverpackungen (LVP) stofflich recycelt werden. „Eine ambitionierte Vorgabe“, war in der Vergangenheit immer wieder aus der Branche zu hören. Auch wenige Tage bevor das Gesetz gilt, ist die Skepsis nicht weniger geworden.

„Ich habe meine Zweifel, ob die Recyclingquote in Höhe von mehr als 50 Prozent bereits 2019/2020 bundesweit erreicht wird“, sagte auch Michael Wieczorek, Geschäftsführer des Entsorgungsunternehmens Lobbe Entsorgung West auf der Konferenz „Recyclingfähigkeit und Sekundärrohstoffeinsatz bei Verpackungen“ in Berlin.

Zwar betonte Wieczorek, dass die Quote grundsätzlich mit modernen LVP-Sortieranlagen möglich sei, doch auch diese würden immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Vor allem zwei limitierende Faktoren würden es erheblich erschweren, die geforderte Quote zu erreichen: Fehlwürfe beziehungsweise Sortierreste und Verbundverpackungen.

Sortierresteanteil bis zu 40 Prozent vom Input

Ausgerechnet die in einigen Kommunen eingeführte Wertstofftonne führt zu vielen Fehlwürfen. Immer häufiger finden sich Windeln, Videokassetten oder klassischer Restmüll in der Wertstofftonne. So stieg beispielsweise in einer Großstadt nach der Umstellung von Gelbem Sack auf Gelbe Tonne der Anteil des Sortierrests beim Input innerhalb eines Jahres von 29 auf 54 Prozent, berichtete Wieczorek.

„Eine Erreichung der Recyclingquote in Höhe von mehr als 50 Prozent vom Input ist in derartigen Fällen faktisch unmöglich“, sagt er. Sein Unternehmen vermeide aus diesem Grund auch die Sortierung von LVP-Mengen aus Großstädten.

Insgesamt liege der Sortierresteanteil aller erfassten LVP-Mengen im Bundesdurchschnitt bei 30 bis 40 Masseprozent vom Input, sagte Wieczorek. Schuld sei auch die mangelhafte Öffentlichkeitsarbeit in der Bevölkerung. War diese zum Zeitpunkt der Einführung des Grünen Punkts noch weitverbreitet und intensiv, so sei sie mittlerweile teilweise „kaum noch vorhanden“.

Positiv sieht der Lobbe-Vertreter, dass das Verpackungsgesetz entsprechende Kampagnen zur Öffentlichkeitsaufklärung vorsieht. Mittlerweile gibt es auch erste Informationen zur geplanten Kampagne der dualen Systeme im kommenden Jahr. Für Wieczorek kommt der Vorstoß allerdings etwas spät: „Die Reaktivierung und Forcierung der Öffentlichkeitsarbeit ist überfällig und meines Erachtens bereits deutlich im Verzug, wenn man bedenkt, dass der 01.01.2019 vor der Tür steht und das Verpackungsgesetz bereits Mitte Juli 2017 verabschiedet wurde.“

Kein Umdenken zu Verbundverpackungen

Beim zweiten Problem der Sortieranlagen – den Verbundverpackungen – kritisiert Wieczorek vor allem die PET-Schalen. Diese seien unter anderem aufgrund von Barriereschichten und Kleberesten nicht recyclingfähig. Entsprechend landen solche Mischkunststoffe gemeinsam mit den Sortierresten auf dem Ersatzbrennstoffhaufen. In der Lobbe-Anlage in Iserlohn beispielsweise macht PET im Sortierrest mittlerweile bis zu 28 Prozent aus.

Von den Herstellern der Schalen erwartet Wieczorek kein freiwilliges Umdenken. Gespräche hätten ergeben, dass die Verpackungshersteller einen Wechsel zu Material wie PP zwar ökologisch ebenfalls für sinnvoll halten, aber da die Materialkosten höher seien und die Produktionsanlagen umgerüstet werden müssten, blieben die meisten beim PET.

Ob die Hersteller ihren Widerstand künftig zumindest lockern, wird das neue Gesetz zeigen, sagt Wieczorek. Da das Papier den dualen Systemen vorschreibt, die Lizenzierungsgebühren je nach Recyclingfähigkeit der Verpackungen zu staffeln, könnten die Hersteller auf ökologischere Varianten umsteigen, hofft Wieczorek. „Der Gesetzgeber hat den richtigen Ansatz gewählt“, sagte er. Der Druck auf die Inverkehrbringer müsse deutlich erhöht werden.

Auch moderne Lobbe-Anlage schafft Quote nur knapp

Um die Ambitionen der Quote zu verdeutlichen, präsentierte Wieczorek auch Daten von zwei modernen Sortieranlagen aus dem eigenen Haus. Die RWS-Anlage in Iserlohn schaffe derzeit im Schnitt eine Recyclingquote von 49,3 Prozent.

Lediglich die neueste Lobbe-LVP-Sortieranlage in Gernsheim überschreitet die geforderte Quote. Die Anlage der Firma Meilo, ein Gemeinschaftsunternehmen der Firmen Meinhardt Städtereinigung und Lobbe Entsorgung West, habe zwischen März und September 2018 einer Recyclingquote von 53,5 Prozent geschafft. Die recht deutliche Überschreitung entstand allerdings auch nur dank der zusätzlichen und recht neuen Sortierfraktion MPO-flex. Diese entstehe durch die Separation von wertvollen PP- und PE-Folien im Format kleiner DIN A4, wie zum Beispiel die Haribo-Tüten. Der aktuelle Anteil der MPO-flex-Sortierfraktion im Produktionsgitter der MEILO beträgt etwa 7 Prozent aus.

 

© 320° | 11.12.2018
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