Geisternetze

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Herrenlose Fischernetze sind Todesfallen für Meerestiere und schädigen das Ökosystem der Meere. Mit einem neuen Polymermaterial könnte das Problem erst gar nicht entstehen. Das Material löst sich quasi in Luft auf.

Fischernetze mit eingebautem Zerfallsdatum


Die Prognose von Umweltschützern der Ellen MacArthur Foundation klingt düster. Bis 2050, so die Einschätzung der Kreislaufwirtschaftsexperten, könnten die Weltmeere mehr Plastikmüll als Fische beherbergen. Vor allem sogenannte Geisternetze bereiten große Probleme, denn die aus synthetischen Materialien hergestellten Fischfang-Netze verrotten erst nach 400 bis 600 Jahren.  Gut ein Viertel der Meeresabfälle bestehen aus sogenannten Geisternetzen.

Das Fraunhofer-Institut Umsicht schätzt, dass allein in den europäischen Meeresgebieten jedes Jahr bis zu 12.000 Tonnen verlorene oder weggeworfene Netze und andere Fischereigeräte im Meer enden. Wie andere Kunststoffreste gelangen die zerriebenen Netzpartikel über Fische, Würmer, Muscheln und Schnecken in die Nahrungskette. Aber auch im intakten Zustand sind die Geisternetze eine Gefahr. Wenn Fische oder Meeressäuger in den immer weiter fischenden Netzen landen, können sie zum Atmen nicht mehr an die Wasseroberfläche gelangen. Nach Angaben von Umweltschützern verenden jährlich bis zu 30 Prozent aller gefangenen Fische in den herrenlosen Netzen.

Ein neues Material soll helfen, das Problem der Geisternetze zu lösen. Die belgische Firma B4Plastics hat im Rahmen des EU-Projekts Glaukos ein Polymermaterial für Fischfanggeräte entwickelt, das im Unterschied zu heutigem Plastikmaterial vollständig biologisch abbaubar sein soll.

Abbaugeschwindigkeit im Voraus festlegbar

Das neue Polymermaterial besteht aus sogenannten Bio-based Building Blocks. Die Bindungen zwischen diesen biobasierten Bausteinen seien so konzipiert, dass sie von Mikroorganismen in der Natur oder von ihren Katalysatoren, den Enzymen, gespalten werden könnten, erklärt B4Plastics. Diesen Prozess ahmen die Belgier mit speziell entwickelten molekularen Werkzeugen zum Abbau von Polymeren nach. Damit soll es auch möglich sein, die genaue Lebensdauer, sprich die Abbaugeschwindigkeit von Fanggeräten im Wasser im Voraus festzulegen.

Im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts Glaukos sollen neben Materialien für Fischereigeräten auch biologisch abbaubare und biologisch wiederverwertbare Textilfasern und Beschichtungen für Fischereibekleidung entwickelt werden, wie es heißt. Das EU-Projekt ist im vergangenen Jahr gestartet und hat eine Laufzeit von vier Jahren. Am Projekt sind den Angaben zufolge 14 Partner aus neun europäischen Ländern beteiligt.

Die Jury des „Food Planet Prize 2021“ ist von dem neuen Material bereits überzeugt. Sie hat B4Plastics mit dem auf 2 Millionen Dollar dotierten Preis ausgezeichnet. Gestiftet wird der Food Planet Prize von der Curt Bergfors Foundation, die 2019 gegründet wurde. Die Stiftung hat es sich zum Ziel gesetzt, den Wandel zu einem nachhaltigen globalen Ernährungssystem durch Forschungsbeiträge, Auszeichnungen und Informationsinitiativen zu fördern. Vision ist eine gesicherte weltweite Nahrungsmittelversorgung und das Wohlergehen des Planeten.

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