Klimaneutrales Wohnen

Eine Solaranlage am Balkon und ein Abwassersystem, das für die Heizung genutzt wird: Im thüringischen Stadtroda wird ein Plattenbau auf Klimaneutralität getrimmt. Das Projekt soll als Vorbild dienen: Allein in Thüringen gibt es rund 200.000 Wohneinheiten in Plattenbauten.

Alter DDR-Plattenbau wird Klima-Modellprojekt


Es klingt fast ein bisschen nach Shanghai, was mit einem alten DDR-Plattenbau in Stadtroda passieren soll.

Pflanzen sollen dort an einem Konstrukt an der Fassade emporranken, um im Sommer für Abkühlung zu sorgen. An jedem der neu verglasten Balkone soll eine Photovoltaik-Anlage hängen, sodass der Strom direkt in der Wohnung genutzt werden kann. Und das Abwasser aus der Waschmaschine wird mittels Wärmetauscher gleich noch für die Heizung genutzt.

Nur die Kaltmiete – und da unterscheidet sich Stadtroda von den Metropolen dieser Welt – soll bei schlappen 5,60 Euro pro Quadratmeter bleiben.

„Akuter Bedarf“

Als „Musterprojekt für effizientes energetisches Sanieren“ und „Vorbild für Tausende öffentliche Wohnungen in Thüringen“ bezeichnet das Thüringer Umweltministerium das Projekt, das am Mittwoch vorgestellt wurde. Ressortchefin Anja Siegesmund (Grüne) überreichte dafür einen Förderbescheid über 2,4 Millionen Euro an die Wohnungsbaugesellschaft Stadtroda, um das Gebäude bis 2024 klimaneutral zu machen. Ihre Hoffnung: Dass das Konzept irgendwann in Serie gehen wird.

Auf rund 200.000 Wohnungen schätzt der Direktor des Verbandes der Thüringer Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (vtw), Frank Emrich, den Bestand in Plattenbauten im Freistaat. Und bei denen ist einiges zu tun. Nach der Sanierungswelle Mitte der 1990er Jahren gebe es erneut akuten Bedarf mit Blick auf die Klimaziele im Wohnsektor, sagt er. In Thüringen sollen bis 2045 alle Gebäude klimaneutral werden.

Aktuell gebe die Wohnungswirtschaft in Thüringen rund 500 Millionen Euro jährlich für energetische Sanierungen aus, sagt Emrich. Das werde sich vermutlich verdoppeln und im kommenden Jahrzehnt bei einer Milliarde jährlich liegen. Dafür brauche es aber auch innovative Konzepte, die multiplizierbar sind.

Abwasser nutzbar machen

Für die 144 Wohneinheiten in Stadtroda soll unter anderem ein System eines Jenaer Start-ups eingesetzt werden, das Abwasser von Waschmaschinen oder aus Spülbecken nutzbar macht. Dieses Wasser soll durch einen Filter vom Toilettenwasser getrennt und anschließend etwa für die Heizung genutzt werden. Auch die Pflanzen an der Fassade könnten damit gegossen werden.

Insgesamt sollen so allein in dem Haus 160 Megawattstunden Energie zurückgewonnen sowie 20.000 Euro und knapp 30 Tonnen Kohlenstoffdioxid im Jahr gespart werden. Auch mithilfe der Photovoltaik-Anlagen an den Balkonen soll weniger Strom aus externen Quellen nötig und die Geldbeutel der Mieter in der Theorie um jährlich 150 Euro entlastet werden.

Es gehe bei allem Klimaschutz am Schluss immer darum, dass die Menschen vor Ort die Umbauten bezahlen können, sagte vtw-Chef Emrich. Aber: „Die Bezahlbarkeit funktioniert nur dann, wenn die Förderung in dem Umfang zur Verfügung steht wie hier.“ Dank der 2,4 Millionen Euro vom Umweltministerium müssen die rund 260 Bewohner in dem Gebäude in Stadtroda zunächst keine Mieterhöhung fürchten.

Doch für die restlichen Plattenbauten in Thüringen kann und wird das Umweltministerium nicht die Sanierung in diesem Umfang mitbezahlen. „Das Geld muss aus anderen Töpfen kommen“, sagte Siegesmund. Sie sehe neben dem Freistaat auch den Bund und die Europäische Union in der Pflicht.

Als Beleg dafür, dass klimaneutrale Gebäude sich lohnen, verweist das Ministerium verweist auf ein Forschungsvorhaben der Fachhochschule Erfurt. Demnach zeigt eine Lebenszykluskostenbetrachtung, dass nachhaltige Bauweisen, beispielsweise mit Holz, und ein hoher energetischer Standard im Vergleich zu konventioneller Bauweise wirtschaftlicher sind.

320°/dpa

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