Interview

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Das Verbraucherinteresse an recycelten Materialien nimmt zu, das bemerkt auch Tchibo. Birte Stoffe und Manuela Schiffer sind beim Hamburger Einzelhändler für Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit zuständig. Im Interview sprechen sie über Qualitätsprobleme, Recyclingzertifikate und Design for Recycling.

„Das ist in erster Linie ein qualitatives Problem“


Angefangen hat Tchibo als Versandhandel für Kaffee. Mittlerweile ist das Unternehmen mit Sitz in Hamburg eines der größten deutschen Konsumgüter- und Einzelhandelsunternehmen in Deutschland. Kleidung, Möbel, Haushaltswaren – die Liste der Produkte ist lang. In einigen setzt Tchibo Rezyklate ein, neuerdings auch in Baumwolltextilien.  

Birte Stoffer ist Sustainability Managerin bei Tchibo im Bereich Unternehmensverantwortung und betreut die Themen Kreislaufwirtschaft und Non-Food Hartwaren. Die Bekleidungsspezialistin Manuela Schiffer ist Sustainability Quality Managerin und vor allem für Nachhaltigkeitsstandards und -zertifizierungen für Non-Food-Produkte zuständig.  

Seit Kurzem hat Tchibo Kleidungsstücke aus recycelter Baumwolle im Sortiment. Ist das ein Test, wie die Produkte bei den Kunden ankommen?  

Birte Stoffer: Nein, das ist kein Test, sondern ein weiterer Schritt unserer Nachhaltigkeitsstrategie. Wir wollen so viele Materialien wie möglich durch recycelte Materialien ersetzen – auch im Baumwollbereich. 

Wie reagieren die Kunden auf das Angebot? 

Birte Stoffer: Das Interesse an Nachhaltigkeitsthemen und mehr recycelten Materialien ist groß. Das merken wir an Kundenanfragen zu spezifischen Produkten und den Diskussionen auf unseren Social Media-Kanälen. Und auch in den Filialen zeigen uns Gespräche, dass das Interesse und das Bewusstsein für Nachhaltigkeit steigen. 

Birte Stoffer (Foto: Tchibo)

Wie hoch ist der Anteil an recycelten Baumwollfasern, den Sie für die aktuelle Kollektion verwenden? 

Manuela Schiffer: Bei Baumwolle sind wir noch ziemlich am Anfang, da liegt der Prozentanteil recycelter Baumwollfasern etwa bei 20 Prozent. Mehr Erfahrung haben wir bereits bei synthetischen Fasern, wie etwa Polyester, Polyamid und Acryl. Hier liegen die Anteile von recycelten Fasern bei mindestens 30 Prozent. Bei Sportbekleidung haben wir sogar 100 Prozent recyceltes Material, ebenso bei Futterstoffen und Außenmaterial im synthetischen Bereich.  

Woran liegt das, dass der Anteil von recycelter Baumwolle recht niedrig ist? 

Manuela Schiffer: Das ist in erster Linie ein qualitatives Problem. Die recycelten Fasern werden mechanisch aufbereitet und sind dadurch meistens sehr kurzstapelig. Das ist für das Garn, wenn es versponnen wird, nicht optimal. Deswegen werden üblicherweise noch Neufasern hinzugemischt. Und genau an dieser Stelle setzen wir an und müssen noch weitere Erfahrungen sammeln, wie wir die Zumischung zukünftig vermeiden und die Qualität erhalten können.

Wird sich die Qualität der recycelten Fasern perspektivisch verbessern? 

Manuela Schiffer: Ja, da bin ich mir ganz sicher. Im ganzen Marktsegment – egal ob synthetische Fasern oder Baumwollfasern – merkt man, dass viele daran arbeiten und kontinuierlich in Forschung investieren und die recycelten Fasern optimieren. 

Manuela Schiffer (Foto: Tchibo)

Woher stammen die recycelten Fasern, die Sie einsetzen? 

Manuela Schiffer: Für die recycelte Baumwolle setzen wir aktuell überwiegend Pre-Consumer-Waste – also Produktionsabfälle – ein. Das Material stammt direkt von den Fabriken und wird mechanisch recycelt. Im synthetischen Bereich werden PET-Flaschen, Fischernetze und Produktionsabfälle eingesetzt. Diese werden auch überwiegend mechanisch recycelt, aber teilweise auch chemisch. 

Mit welchen Recyclingpartnern arbeiten Sie dabei zusammen?  

Manuela Schiffer: Dazu muss man erst mal sagen, dass die Produktionen für Tchibo durch unsere Partner durchgeführt werden. Diese wählen ihre Recyclingpartner selbstständig aus – welche das dann im Einzelnen sind, kann ich Ihnen nicht konkret benennen. Für uns ist aber wichtig, dass die Rezyklate nach dem Global Recycled Standard oder dem Recycled Claim Standard zertifiziert sind. Dadurch können wir nachvollziehen, woher das Garn kommt.  

Welche Mengen an Rezyklaten setzen Sie bislang ein?  

Birte Stoffer: Insgesamt lag der Anteil von recyceltem Material in Textilien in 2021 bei circa 15 Prozent. In dem Anteil sind neben recycelten Synthetikfasern und der recycelten Baumwolle auch weitere Fasern wie recycelte Wolle und Cashmere enthalten. 

Von wem kam der Vorstoß, recycelte Fasern zu verwenden? Von Ihnen, Ihren Produzenten oder von den Kunden?  

Manuela Schiffer: Die Initiative kam von Tchibo und wir haben die recycelten Fasern konkret bei unseren Produzenten angefragt. Am Anfang konnten noch nicht viele Produzenten liefern, aber zunehmend bekommen wir immer mehr Angebote von Produzenten, die mittlerweile auch Rezyklate einsetzen können. Inzwischen gibt es auch recycelte Markenfasertypen, die wir für unsere Produkte konkret anfragen – etwa die TENCEL™ Lyocellfaser (hergestellt mit der REFIBRA™ Technologie), die unter anderem aus Baumwollstoffresten aus der Bekleidungsproduktion und frischem Zellstoff hergestellt wird, oder ECONYL®, eine Faser aus Nylon-Abfällen, wie Fischernetzen, Stoffresten und Teppichabfällen.

Birte Stoffer: Tatsächlich beobachten wir da einen großen Wandel. Von eher einer stärkeren Nachfrage unsererseits hin zu mehr Produzenten, die das Recyclingthema auch von sich aus vorantreiben und erkannt haben.  

Grundsätzlich können recycelte Fasern nicht nur aus Produktionsabfällen, sondern auch aus Alttextilien gewonnen werden. Bislang wird aber nur etwa 1 Prozent der Alttextilien recycelt. Wie schwer ist es, die nötigen Mengen in konstanter Qualität zu bekommen?

Birte Stoffer: Leider ist es noch sehr schwer, Alttextilien so zu recyceln, dass die Fasern wiederverwendet werden können. Hier spielen neue Methoden, Trennungs- und Sortierverfahren und vor allem das Thema Design for Recycling eine große Rolle, damit das Recycling auch gut gelingen kann. Design for Recycling wird auch für uns in diesem Jahr ein Fokus sein. Da wir unseren Herstellern die Designs vorgeben, liegt hier die Verantwortung bei uns.  

Viele Verwender von recyceltem Material bemängeln grundsätzlich, dass ausreichende Mengen in guter Qualität nicht immer zur Verfügung stehen. Bemerken Sie das auch für recycelte Fasern?  

Manuela Schiffer: Die Materialbeschaffung ist im Moment grundsätzlich schwierig. Die Nachfrage übersteigt die knappen Ressourcen – egal ob Neuware oder recyceltes Material. Das Thema knappe Ressourcen wird die Beschaffung wohl begleiten und die Entwicklung von Lösungsansätzen vorantreiben.  

Birte Stoffer: Durch unser breites Produktsortiment merken wir schon, dass recyceltes Material längst nicht für alle Produkte und nicht in allen Segmenten gleich vertreten und verfügbar ist. Während das Thema etwa im Textilbereich stärker vorangetrieben wird, gibt es bei Elektrogeräten noch Schwierigkeiten – auch weil die technischen Anforderungen teils sehr hoch sind und es in der Lieferkette Partner gibt, die beim Thema Rezyklate noch weiterhin am Anfang stehen.  

Welchen Kostenunterschied macht es, ob Tchibo Primärmaterial oder Recyclingmaterial einsetzt?  

Birte Stoffer: Recyclingmaterial ist in der Regel teurer als Primärmaterial. Der Kostenunterschied variiert aber je nach Produkt und Material.

Wird der Preisunterschied nicht einfach auf die Verbraucherpreise draufgeschlagen? 

Birte Stoffer: Wir bei Tchibo sind bereit, diese Mehrkosten zu zahlen, weil wir wissen, welche positive Umweltauswirkung Recyclingmaterial im Vergleich zu Frischfasern hat.  

Tchibo hat ein breites Sortiment an Produkten. Wie stark wollen Sie sich künftig an der Circular Economy orientieren? 

Birte Stoffer: Sehr stark. Der Einsatz von recycelten Materialien in Textilien, aber auch in Hartwaren und in unseren Verpackungen war nur der erste Schritt. Daneben stehen für uns auch die Themen wie Qualität und Langlebigkeit der Produkte im Fokus. In diesem Jahr beschäftigen wir uns, wie schon gesagt, intensiv mit den Themen Design for Recycling und Recyclingfähigkeit unserer Produkte, damit die eingesetzten Materialien in Textilien und Hartwaren zukünftig dem Kreislauf zurückgeführt werden können.  

320°/sk/ek

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