Lage in Deutschland

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Ist das, was bei Gas bevorstehen könnte, auch für die Stromversorgung zu erwarten? Energieexperten rechnen nicht mit dem Schlimmsten, doch im Winter könnte es schon mal knapp werden. Und auch die Preissteigerungen machen etlichen Betrieben zu schaffen.

Wird auch die Stromversorgung knapp?


Angesichts der Lieferengpässe beim Gas steht auch die Stromversorgung in Deutschland im kommenden Winter vor großen Herausforderungen. In einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur zeigten sich Energieexperten aber eher zuversichtlich, dass das Netz der Belastungsprobe gewachsen sein wird. „Ich persönlich bereite mich nicht auf einen Blackout vor“, sagte Tobias Federico, Geschäftsführer beim Beratungsunternehmen Energy Brainpool. Trotz der Abschaltung der letzten deutschen Kernkraftwerke zum Jahresende rechne er nicht mit großen Engpässen beim Strom – auch weil Steinkohlekraftwerke aus der Reserve geholt würden.

Christoph Maurer vom auf Energie spezialisierten Berater Consentec in Aachen hält die Lage für angespannt, aber grundsätzlich in einem normalen Winter beherrschbar. Vorsichtiger gab sich Thorsten Lenck von Agora Energiewende: „Nach unseren bisherigen Analysen ist es durchaus möglich, dass es im Winter in einigen Stunden knapp werden könnte.“

Sorgen machen den Experten vor allem die massiven Probleme Frankreichs mit seinen Atomkraftwerken. Im Nachbarland steht aktuell ein großer Teil der Reaktoren wegen der Entdeckung kleiner Risse im Notkühlsystem oder wegen Wartungsarbeiten still. Gelinge es nicht, genügend dieser Kraftwerke rechtzeitig wieder ans Netz zu bringen, könne dies aufgrund der europäischen Vernetzung auch zur Herausforderung für die deutschen Stromversorger werden, warnten Lenck und Maurer.

Ein Unsicherheitsfaktor ist für Maurer überdies, dass viele Menschen in Deutschland angesichts der sehr hohen Gaspreise damit beginnen könnten, elektrisch zu heizen: „Das ist ein Szenario, das man fast um jeden Preis verhindern muss.“ Denn der Versuch, im großen Stil Wohnungen mit Heizlüftern oder Konvektoren warm zu bekommen, würde die Möglichkeiten des Stromnetzes sowohl bei der Erzeugung als auch beim Transport überfordern. 

Eine erst kürzlich vom Bundeswirtschaftsministerium veröffentlichte Sonderanalyse zur Stromversorgung kam zu dem Ergebnis, „dass ein sicherer Betrieb des Elektrizitätsversorgungsnetzes im Winter 2022/23 gewährleistet ist“. Inzwischen wurde aber bereits ein zweiter Stresstest mit verschärften Rahmenbedingungen in Auftrag gegeben.

Wie geht es mit den Strompreisen weiter?

Wie die Gaspreise sind auch die Strompreise zuletzt rasant gestiegen. Im Juni lagen sie laut den Vergleichsportalen Verivox und Check24 um rund 30 Prozent über dem Vorjahresniveau. Der Wegfall der EEG-Umlage verschaffe den Verbrauchern etwas Entlastung, betonte Verivox-Energieexperte Thorsten Storck – doch sei dies wohl nur eine Atempause. „Spätestens zum Jahreswechsel rechnen wir erneut mit flächendeckenden Strompreiserhöhungen für Millionen Haushalte.“

Jedoch spricht nach Einschätzung der Branchenkenner vieles dafür, dass der Anstieg nicht so dramatisch sein dürfte wie beim Gas. „Der Strompreis wird sicher auch steigen, aber nicht ganz so heftig“, so Florian Stark von Check24. Die Entwicklung an den Strombörsen sei weniger drastisch. Zudem machten Kosten für Beschaffung und Vertrieb bei Strom „nur“ 44 Prozent des Preises aus, bei Gas über 60 Prozent.

Etliche Betriebe fürchten indes, die Mehrbelastungen im Einkauf nicht mehr lange tragen zu können. Der Verband der Energie-Abnehmer (VEA) sprach jüngst von einem durchschnittlichen Strompreiszuwachs von fast 62 Prozent seit Januar. Die Lage sei mittlerweile existenzgefährdend.

320°/dpa/re

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