Greenpeace-Studie

kostenpflichtig
Für Verbraucher scheint der nachhaltige Umgang mit Textilien wichtiger zu werden. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit sei gestiegen, meint die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Eine Studie stützt die These.

Nachhaltigkeit im Kleiderschrank wird wichtiger


Die Umweltorganisation Greenpeace bescheinigt Verbraucherinnen und Verbrauchern in Deutschland ein wachsendes Bewusstsein für den nachhaltigeren Umgang mit Mode. Dieses sei in den „letzten sieben Jahren signifikant gestiegen“, heißt es in einer am Mittwoch vorgestellten Studie mit dem Titel „Nachhaltigkeit ist tragbar“.

So seien heute zwei Drittel der Bevölkerung bereit, weniger neue Kleidung zu kaufen – und die überwiegende Mehrheit von 89 Prozent habe vor, vorhandene Kleidung länger zu tragen. Zudem sei der Klima- und Umweltschutz für deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung ein wichtiger Beweggrund für einen nachhaltigeren Umgang mit Mode geworden.

Längere Tragedauer

Gleichwohl bedeutet Kleidung erwerben für die meisten Deutschen noch immer, neu zu kaufen. Bei den insgesamt fast 5 Milliarden Kleidungsstücken in deutschen Schränken handele es sich zu 85 Prozent um Neuware. Doch der Trend scheint laut Studie rückläufig zu sein:

  • Waren es 2015 im Durchschnitt 95 Teile, die jede erwachsene Person (18-69 Jahre) in Deutschland besitzt, so waren es im Jahr 2019 noch 92 Stück und im Jahr 2022 nur noch 87 Teile. Dies ist ein Rückgang von knapp 6,5 Prozent oder 340 Millionen Kleidungsstücken in Deutschland.
  • Besonders die Anzahl der Oberteile, aber auch der Jacken, Mäntel und Schuhe ist in den letzten Jahren rückläufig. Der Großteil der Textilien in den deutschen Kleiderschränken besteht weiterhin aus kurz- und langärmligen Oberteilen. Insgesamt liegen und hängen rund 4,9 Milliarden Kleidungsstücke in den deutschen Schränken – Socken und Unterwäsche nicht mitgezählt.
  • Der deutlichste Rückgang der Kleiderberge ist in der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen festzustellen. Deren Bestand hat sich von 92 auf 74 Stücke reduziert – um fast 20 Prozent. Das sei eine interessante Entwicklung, meint Greenpeace. Denn gerade junge Menschen gälten als Treiber der schnellen Geschäftsmodelle in der Modeindustrie; sie seien in aller Regel Zielgruppe der Werbung von Fast Fashion.
  • Auch in der Gruppe der 40- bis 49-Jährigen gibt es im Durchschnitt noch einen deutlichen Rückgang um 15,5 Prozent (von 97 auf 82 Teile) zu verzeichnen.
  • In der Gruppe der 30- bis 39-Jährigen hingegen ist die Zahl der Kleidungsstücke von 98 im Jahr 2015 auf 104 Kleidungsstücke gestiegen.

Zugleich zeigt sich, dass ein Viertel bis die Hälfte der Deutschen sich Kleidung mittlerweile privat ausleiht, selbst herstellt oder Secondhand kauft – insbesondere bei den 18- bis 29-Jährigen.  Außerdem werden viele Kleidungsstücke 2022 deutlich länger im Kleiderschrank behalten, bevor sie ausgemustert werden:

  • Jeder Zweite der Befragten gibt laut Studie an, kurzärmlige (58 Prozent) und langärmlige Oberteile (63 Prozent) sowie Hosen (60 Prozent) länger als drei Jahre zu tragen. Vor sieben Jahren taten dies noch deutlich weniger als die Hälfte.
  • Jacken und Mäntel werden am längsten behalten von allen Kleidern (79 Prozent behalten sie länger als drei Jahre)
  • Kurzärmlige Oberteile wie Party-Tops werden dagegen am schnellsten wieder aussortiert. Doch auch bei ihnen verbleiben nun schon 58 Prozent länger als drei Jahre in den Schränken, eine Steigerung von 16 Prozent.
  • Wegwerfware in Deutschland bleiben unverändert Schuhe: Etwa jeder Achte trägt seine Schuhe nicht einmal ein ganzes Jahr. 43 Prozent der Befragten sortieren Schuhe nach einem bis maximal drei Jahren aus. Damit werde nicht einmal die Hälfte (47 Prozent) der Schuhe in Deutschland länger als drei Jahre getragen, bevor sie in den Müll wandern.

Grundsätzlich sei es „eine gute Entwicklung, dass das deutsche Konsumverhalten dem Industrietrend entgegenläuft“, sagt die Ressourcenschutzexpertin von Greenpeace, Viola Wohlgemuth. Für einen nachhaltigen Konsum von Kleidung sollten aber im deutschen Kleiderschrank ab 2035 nur noch 40 Prozent neu produzierte und 60 Prozent wiederverwertete Mode hängen, mahnt sie. „Dafür müssen Textilhändler konsequent zu Textildienstleistern werden. Wir brauchen die passenden Gesetze, damit Leihen, Teilen, Reparieren und Secondhand das neue Normal werden.“

Dienstleister statt Händler

Wenig Besserung verzeichnet Greenpeace dagegen beim Recycling. Nach wie vor würden weniger als ein Prozent der Kleidungsstücke im Faser-zu-Faser-Recycling wirklich zu neuer Kleidung aufbereitet, heißt es in der Studie. Das Produktionsvolumen von Bekleidung steigt derweil jährlich weiter um 2,7 Prozent an. Statt sich zu verlangsamen, beschleunige sich der Fast-Fashion-Trend weiterhin.

Aus Sicht von Greenpeace sind kreislauffähige Geschäftsmodelle „alternativlos“. Um die Klimaziele zu erreichen, müssten die globalen Fashion-Brands ihre linearen Geschäftsmodelle beenden und einen Systemwandel einleiten: hin zu entschleunigten Produktionszyklen von langlebiger und reparierbarer Kleidung, die wirklich auch zu neuen Textilen recycelt werden kann. „Damit die viel beworbene Kreislaufwirtschaft auch Realität wird, müssen diese Firmen jetzt glaubhaft damit anfangen, Alternativen zum Neukauf anzubieten: Reparatur-Services, Secondhand-Kleidung, sowie Angebote Kleidung zu mieten, zu tauschen oder zu teilen“, heißt es in der Studie. „Sie müssen von Textil-Händlern zu Textil-Dienstleistern werden.“

  • Laut Studie geben über 85 Prozent der Deutschen an, dass sie in den letzten sechs Monaten Kleidung in den Müll geworfen haben. Insgesamt machen Textilien in Deutschland 3,5 Prozent des gesamten Hausmülls aus.
  • Das Reparieren von Kleidung bei der Änderungsschneiderei um die Ecke oder einem Online-Reparaturservice sei weiterhin für die Hälfte der Deutschen kein Thema, das Reparieren zu Hause hat sogar noch um 7 Prozent abgenommen. Nur noch 51 Prozent der Befragten hätten angegeben, in den letzten sechs Monaten ein Kleidungsstück selbst repariert zu haben.
  • Im Vergleich zu 2015 hätten weniger Menschen aussortierte Kleidung über Altkleidersammlungen entsorgt (Abnahme um 8 Prozent), auch im privaten Umfeld sei weniger verschenkt worden (6 Prozent).

320°/dpa/re

Mehr zum Thema
„Rezession verliert ihren Schrecken“
„Wir waren wohl zehn Jahre zu früh dran“
Botree Cycling plant Batterierecycling­anlage in Guben
Gurtschlossabdeckung aus chemisch recyceltem Kunststoff
Bundesbank erwartet Rezession im Winterhalbjahr
Deutsches WM-Trikot: „Das ist wirklich beeindruckend schlecht“
Drei Bundesländer wollen Exportverbot von Textilabfällen durchsetzen
Deutschlands erster Unverpackt-Laden gibt auf
Entsorger steigen bei Mineral Waste Manager ein
Arbeitsmarkt verliert bis 2035 rund sieben Millionen Menschen
Arbeitshose aus Bananenfasern
Heimkompostierbare Kaffeekapsel von Nespresso