Bio-Läden

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In Zeiten knapper Kassen sparen Verbraucher auch an nachhaltigen Produkten. Der Einzelhandel bekommt das aktuell besonders zu spüren. Viele Bio-Märkte und Unverpackt-Läden kämpfen ums Überleben.

Umfrage: Verbraucher geben weniger für nachhaltige Produkte aus


Angesichts der hohen Inflation sind viele Verbraucher nicht mehr bereit, teurere nachhaltige Produkte zu kaufen. Im vergangenen Jahr seien dazu noch 67 Prozent der Befragten bereit gewesen, erklärt die Unternehmensberatung Monitor Deloitte. Aktuell seien es nur noch 30 Prozent.

„Diese Zahlen deuten zumindest für den Moment eine Umkehrung der Verhältnisse an“, sagt Thorsten Zierlein, Fachmann für den Einzelhandel bei Deloitte. „Doch viel spricht dafür, dass sich diese Entwicklung genauso schnell ins Gegenteil verkehren kann, sobald die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wieder positiver sind.“

An der grundsätzlichen Einstellung hat sich eher wenig geändert: So sagten 50 Prozent, dass ihnen die nachhaltige Erzeugung bei Lebensmitteln wichtig sei. Vor einem Jahr waren es 53 Prozent gewesen. Allerdings sagten gleichzeitig 41 Prozent, dass nachhaltige Produkte entweder billiger sein oder sie selbst mehr verdienen müssten, damit sie diese auch tatsächlich kaufen würden. Mit „nachhaltig“ waren in der Umfrage eine ganze Reihe von Produkteigenschaften gemeint, unter anderem umweltfreundliche Verpackungen, regionale Erzeugung oder natürliche Inhaltsstoffe ohne chemische Zusätze.

„Schlimmster Einbruch seit 35 Jahren“

Die rückläufige Zahlungsbereitschaft zeigt sich auch darin, dass viele Kunden von Bio-Supermärkten, Reformhäusern und Naturkostläden fernbleiben. Selbst traditionsreiche Biohändler kämpfen mittlerweile ums Überleben. „Bio-Supermärkte, Reformhäuser und Naturkostläden erleiden zurzeit deutliche Umsatzeinbußen“, sagt der Handelsexperte Robert Kecskes vom Marktforschungsunternehmen GfK.

Nach den jüngsten Zahlen der GfK lagen die Umsätze der Bio-Supermärkte im August um 10,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Naturkostläden und Reformhäuser verzeichneten sogar ein Minus von 37,5 Prozent. Der Chef der Bio-Kette Alnatura, Götz Rehn, klagte kürzlich: „Der Bio-Markt erlebt gerade den schlimmsten Einbruch seit 35 Jahren.“

Die ersten Händler mussten bereits den Gang zum Insolvenzgericht antreten: Die 1927 gegründete Reformhauskette Bacher mit ihren bundesweit mehr als 100 Filialen beantragte im Sommer Insolvenz in Eigenverwaltung. Die Kette Superbiomarkt mit rund 30 Filialen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen suchte Rettung in einem Schutzschirmverfahren. Doch nicht nur Branchengrößen, auch viele kleine Unverpackt-Läden kämpfen ums Überleben. Und das Branchenfachblatt «Lebensmittel Zeitung» warnte: „Der Ausleseprozess hat gerade erst begonnen.“

Grafik: picture alliance/dpa-Infografik

Klassische Supermärkte profitieren

Bereits seit Ende des letzten Jahres sei zu beobachten, dass die Menschen weniger in den häufig als hochpreisig empfundenen Bio-Fachgeschäften einkaufen und stattdessen günstigere Alternativen suchen, sagt Handelsexperte Kecskes. Schritt für Schritt hätten Verbraucherinnen und Verbraucher Bio-Einkäufe in die klassischen Supermärkte wie Rewe oder Edeka verlagert.

„Jetzt sehen wir aufgrund der starken Preiserhöhungen die nächste Stufe“, sagt Kecskes. Beim Einkauf im Supermarkt werde immer öfter vom Bio-Markenprodukt zur Bio-Handelsmarke gewechselt. Oder die Bioprodukte würden gleich beim Discounter einkauft. „Die Verbraucher kaufen weiter Bio ein, aber eben günstiger.“

Tatsächlich müssen viele Verbraucher sparen. Nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes waren Lebensmittel im September durchschnittlich um 18,7 Prozent teurer als noch ein Jahr zuvor. Und auch das Heizen, das Tanken und der Strom wurden deutlich teuerer.

Sollten sich die finanziellen Probleme der Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland in den nächsten Monaten weiter zuspitzen, droht der Bio-Branche nach Einschätzung von Kecskes weiteres Ungemach. Noch versuchten viele Menschen weiterhin Bio-Produkte zu kaufen, indem sie auf günstigere Angebote auswichen. Doch es könne der Punkt kommen, an dem so mancher angesichts knapper Kassen ganz darauf verzichten müsse.

Doch selbst wenn sich die finanzielle Situation der Menschen in absehbarer Zeit wieder verbessern sollte, dürfte es für die Fachmärkte und die Markenartikelhersteller nach Einschätzung von Kecskes nicht einfach werden, die verlorenen Kunden zurückzugewinnen. Im Gegenteil: „Wenn die Menschen mit den günstigeren Handelsmarken und Discounterprodukten, die sie jetzt kennengelernt haben, zufrieden sind, ist das eine echte Herausforderung“

320°/dpa/re

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