Wissings Pläne

kostenpflichtig
Mit einem „Masterplan“ will die Bundesregierung den Ausbau des Ladenetzes für Elektroautos vorantreiben. Die Rahmenbedingungen sind ungünstig. Kommt womöglich die Renaissance des Verbrenners?

„Laden so einfach wie Tanken“


Wer sich aktuell überlegt, ein Elektroauto zu kaufen, dürfte zögerlich werden. Zum einen wegen der steigenden Strompreise und weil niemand die weitere Preisentwicklung vorhersehen kann. Zum anderen, weil die Bundesregierung für das kommende Jahr eine Reform der Förderprämien angekündigt hat. Ganz abgesehen vom Dauerargument, dass die Ladeinfrastruktur in Deutschland noch immer viel zu wünschen übrig lässt.

Die Rahmenbedingungen für den Hochlauf der E-Mobilität hätten sich erheblich verschlechtert, konstatiert ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand. Nicht nur Fortschritte bei der Ladeinfrastruktur seien notwendig, sondern Maßnahmen, die die Unsicherheiten bei Förderung, Strompreisen und Verfügbarkeit von Fahrzeugen in den Blick nähmen. Wichtig sei auch, weitere Fortschritte bei der Nutzerfreundlichkeit zu erzielen. Das gelte vor allem mit Blick auf die Transparenz von Preisen an der Ladesäule und Bezahlmöglichkeiten.

Die Bundesregierung will die Entwicklung nun mit dem „Masterplan Ladeinfrastruktur“. forcieren, den das Kabinett am Mittwoch beschlossen hat. Demnach soll es bis 2030 eine Million öffentlich zugängliche Ladepunkte in Deutschland geben. Derzeit sind es nach Zahlen der Bundesnetzagentur rund 70.000, darunter rund 11.000 Schnellladepunkte. Ziel der Bundesregierung sind mindestens 15 Millionen vollelektrische Pkw bis 2030. Zurzeit sind 1,6 Millionen E-Pkw zugelassen – Tendenz stark steigend.

„Die Elektromobilität wird nur Akzeptanz finden, wenn das Laden so einfach ist wie heute das Tanken“, sagte Bundesverkehrsminister Volker Wissing am Mittwoch. Jede Negativerfahrung mit der Elektromobilität erschwere den Umstieg auf klimafreundliche Antriebe. Der FDP-Politiker will beim Ausbau des Ladenetzes mehr Tempo machen. „Wir haben keine Zeit zu verlieren.“

Grafik:picture alliance/dpa-Infografik

Zur Umsetzung des Plans sind 6,3 Milliarden Euro vorgesehen. Insgesamt sieht der Plan 68 Maßnahmen vor. Dazu zählt der Aufbau von Ladepunkten in Wohnvierteln, an Tankstellen sowie bei Firmen. Außerdem sollen mehr Flächen verfügbar gemacht werden, vor allem an Verkehrsknotenpunkten wie Bahnhöfen oder Park & Ride-Plätzen.

Einen zusätzlichen Schub dürften die Pläne durch einen Beschluss des EU-Parlaments erhalten. Eine Mehrheit der Abgeordneten stimmte am Mittwoch dafür, dass bis 2026 an den Hauptverkehrsstraßen alle 60 Kilometer eine Ladestation eingerichtet werden soll. Die Infrastruktur für Alternativen zu Verbrennern müsse dringend ausgebaut werden, um die EU-Klimaziele zu retten, sagte der zuständige Berichterstatter Ismail Ertug. Im nächsten Schritt müssen Parlament und EU-Staaten über den endgültigen Gesetzestext verhandeln.

Renaissance des Verbrenners?

Als schwierigste Aufgabe zur Umsetzung des „Masterplans“ bezeichnete Wissing die Integration ins Stromnetz, das rechtzeitig ausgebaut werden soll. Bisher betrage der Anteil von Elektroautos am Stromverbrauch 0,5 Prozent – bis 2030 könnten es bei 15 Millionen Elektroautos 8 Prozent sein.

Doch auch weitere Strompreissteigerungen könnten die Elektromobilität empfindlich ausbremsen. „Bleiben sie dauerhaft so hoch, sind entsprechende Auswirkungen auf die zuletzt erfreulichen Zahlen beim Hochlauf der Elektromobilität unvermeidlich“, sagte die Chefin des Verbandes der Automobilindustrie, Hildegard Müller, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Die Stromsteuer müsse schnellstmöglich auf das europäische Mindestmaß gesenkt werden.

Wissing sagte, die Bundesregierung habe die Strompreise im Blick, aber auch die Kraftstoffpreise seien gestiegen. Die Regierung arbeitet derzeit neben einer Gaspreisbremse auch an einer Strompreisbremse.

Ob all das helfen wird, bezweifelt der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Er erwarte im kommenden Jahr eine „Renaissance des Verbrenners“, sagte Dudenhöffer der Deutschen Presse-Agentur. Grund sei unter anderem der Strompreis. Aber auch die geplanten Kürzungen bei den staatlichen Kaufprämien.

320°/dpa/re

Mehr zum Thema
E-Autos sind langfristig günstiger als Verbrenner
Ladesäulen alle 60 km: EU einigt sich auf Ausbauziele für Pkw und Lkw
EU beschließt weit­gehendes Verbrenner-Aus
Nach Verbrenner-Kompromiss: Lindner plant Kfz-Steuerreform
Produktion und Exporte von Elektroautos wachsen kräftig
Total verkauft Tankstellen in Deutschland und Niederlanden
Mehr E-Autos beschäftigen ADAC-Pannenhilfe
VW baut Batteriezellwerk in Kanada