Konjunktur

Die deutsche Wirtschaft könnte glimpflicher davonkommen als erwartet. Das Ifo-Institut rechnet mit einer Erholung im Frühjahr. Doch die Sorge um Produktionsverlagerungen bleibt.

Ifo-Institut: Wirtschaft läuft „besser als gedacht“


Die deutsche Wirtschaft wird nach einer Prognose des Ifo-Institutes im kommenden Jahr wohl nur um 0,1 Prozent schrumpfen. Die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen sei bisher noch hoch gewesen. Die Rezession im Winterhalbjahr werde daher etwas milder ausfallen als erwartet, sagte der Leiter der Ifo-Konjunkturforschung, Timo Wollmershäuser, am Mittwoch in Berlin. „Danach geht es wieder aufwärts.“

Die Wirtschaft sei mit einem leichten Zuwachs im dritten Quartal „viel besser als gedacht“ gelaufen, sagte Wollmershäuser. Die Verbraucher griffen in hohem Maße auf ihre Ersparnisse zurück, um die Preiserhöhungen abzufedern, und der private Konsum werde auch durch staatliche Hilfen, Renten-, Mindestlohn- und Lohnerhöhungen gestützt. Deshalb erwarten die Münchner Forscher für 2022 nun ein Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent statt bisher 1,6 Prozent.

Erholung im Frühjahr

Dennoch werde der hohe Preisauftrieb vor allem im Winterhalbjahr die verfügbaren Realeinkommen der privaten Haushalte sinken lassen und damit die Konjunktur abkühlen. Für Dezember rechnet das Ifo-Institut mit einer Inflationsrate von 10 Prozent. Vor allem Lebensmittel dürften in nächster Zeit noch teurer werden. „Der private Konsum wird zurückgehen“, sagte Wollmershäuser. „Die deutsche Wirtschaft wird im Winter in eine Rezession gehen und sich im Frühjahr ganz langsam wieder erholen.“

Viele Industrie- und Dienstleistungsunternehmen gäben ihre höheren Energie- und Lohnkosten über Preiserhöhungen weiter und nutzten auch Spielräume, um ihre Gewinne zu erhöhen. Auf dem Bau dagegen lassen die Preis- und Zinserhöhungen die Nachfrage einbrechen, Aufträge werden storniert. „Das wird sich in den nächsten Monaten fortsetzen“, sagte Wollmershäuser.

„Erst ab der zweiten Jahreshälfte dürften die Einkommen im Verlauf wieder stärker zulegen als die Preise und damit der private Konsum an Fahrt aufnehmen.“ Die Wirtschaftsleistung dürfte damit 2023 nur um 0,1 Prozent schrumpfen statt wie im Herbst erwartet um 0,3 Prozent. Erst 2024 rechnen die Forscher wieder mit einem leichten Wirtschaftswachstum von 1,6 Prozent in Deutschland.

Gefahr von Produktionsverlagerungen

Ein Dilemma sei, dass der Staat mit seinen Hilfen für die Bevölkerung die Nachfrage vergrößere, während die Europäische Zentralbank durch Zinserhöhungen die Nachfrage senken wolle, um die Inflation zu senken. „Wenn man Gas und Bremse gleichzeitig drückt, fängt das Auto an zu schlingern. Und in der Situation sind wir im Moment“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Für den Arbeitsmarkt erwartet das Ifo-Institut keine schweren Auswirkungen. Die Kurzarbeit dürfte im Winterhalbjahr vorübergehend wieder steigen und der Beschäftigungsaufbau zum Erliegen kommen, sagte Wollmershäuser. Die Arbeitslosenquote wird der Prognose zufolge von 5,3 Prozent in diesem Jahr auf 5,5 Prozent im kommenden Jahr zulegen. Die ukrainischen Flüchtlinge integrierten sich schneller in den Arbeitsmarkt als andere.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist für die Konjunktur etwas pessimistischer und erwartet für das kommende Jahr einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,75 Prozent. „Wir werden uns wohl oder übel an horrende Energiepreise gewöhnen müssen. Unternehmen werden dadurch weniger investieren und produzieren“, sagte IW-Direktor Michael Hüther. Der private Konsum dürfte im kommenden Jahr um 1,5 Prozent sinken. „Wie schwer diese Krise ausfallen wird und wie lange sie dauert, hängt stark von der weiteren Entwicklung der Energiekrise ab“, sagte IW-Konjunkturexperte Michael Grömling. „Die Volkswirtschaft als Ganzes ist mit einem gewaltigen Wohlstandsverlust konfrontiert.“ Aber der Arbeitsmarkt zeige sich robust.

Sorge macht Fuest und Wollmershäuser die unsichere und teure Energieversorgung in Deutschland mit Blick auf den Industriestandort im Wettbewerb mit Asien und den USA. Es werde zu Produktionsverlagerungen kommen, sagte Wollmershäuser. Ohne billiges Gas aus Russland und ohne Atomkraft „wird Kohle in den nächsten Jahren eine größere Rolle spielen in Deutschland“, sagte Fuest. Der Ausbau erneuerbarer Energie verlaufe zu langsam und werfe die Frage nach der Versorgung bei Dunkelflauten auf.

320°/dpa

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