Konjunktur
Die Erholung der deutschen Wirtschaft lässt auf sich warten. Erst im kommenden Jahr soll es wieder aufwärtsgehen, wenn auch schwächer als erwartet. Auch EU-weit dürfte das Wirtschaftswachstum schwächer ausfallen.
Deutsche Wirtschaft schrumpft: EU-Kommission senkt Wachstumsprognose
Die EU-Kommission hat ihre Konjunkturprognose für die Europäische Union nach unten korrigiert. Die Behörde rechnet für die EU und den Euroraum in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstum von 0,8 Prozent, wie aus der am Montag in Brüssel veröffentlichten Schätzung hervorgeht. In ihrer im Mai vorgelegten Frühjahrsprognose war die Kommission noch von einem Plus von 1,0 Prozent (Eurozone 1,1 Prozent) ausgegangen.
Auch für das kommende Jahr ist die EU-Kommission zurückhaltender. Die Behörde senkte ihre Prognose für das EU-weite Wirtschaftswachstum von zuvor 1,7 Prozent auf 1,4 Prozent. „Die EU-Wirtschaft hat mit der Pandemie und dem grundlosen Angriffskrieg Russlands in der Ukraine zwei massive Schocks erlitten“, sagte Kommissionsvize Valdis Dombrovskis. Die sehr hohe Inflation habe sich negativ ausgewirkt, gehe aber nun zurück. Gestützt auf einen starken Arbeitsmarkt mit Arbeitslosenzahlen auf Rekordtief und angesichts des nachlassenden Preisdrucks dürfte sich das Wachstum im kommenden Jahr leicht erholen.
„Die Abkühlung setzt sich fort“
Die deutsche Wirtschaft wird nach Einschätzung von Experten in diesem Jahr sogar schrumpfen. Im Mai war für die größte Volkswirtschaft der EU noch ein Wachstum von 0,2 Prozent vorhergesagt worden. Nun geht die Kommission davon aus, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um 0,4 Prozent schrumpft. Für 2024 rechnet Brüssel wieder mit einem Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts – mit 1,1 Prozent fällt auch diese Prognose etwas schwächer aus als zuvor (1,4 Prozent).
Auch führende Wirtschaftsinstitute sehen die deutsche Wirtschaft vorerst auf Talfahrt. „Anders als bislang erwartet dürfte die Erholung in der zweiten Jahreshälfte ausbleiben“, sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. „Die Abkühlung setzt sich fort, in nahezu allen Branchen steht die Tendenz auf Flaute.“
Für dieses Jahr rechnet das Ifo-Institut mit einem Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent. Auch das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) sieht „Deutschland weiter im Abschwung“ und rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,5 Prozent. Das RWI-Institut in Essen senkte seine Prognose am Donnerstag noch deutlicher auf minus 0,6 Prozent. Alle drei Institute rechnen mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl auf 2,6 Millionen und einer Inflationsrate von 6,0 Prozent.

Deutschland stehe heute beim BIP im internationalen Vergleich „mit am schlechtesten da“, sagt Ifo-Konjunkturexperte Wollmershäuser. Sehr teure Energie, „eine der höchsten Unternehmenssteuerbelastungen weltweit“ und viel Bürokratie seien eine ungünstige Kombination, sagt sein Ifo-Kollege Andreas Peichel. „In der Summe wird der Standort Deutschland immer unattraktiver.“ Die Chemieindustrie verlagere offenbar Produktion ins Ausland, seit Jahresbeginn seien dort 8.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.
Auf die Frage, ob Deutschland das nächste große wirtschaftliche Problem der EU oder der „kranke Mann Europas“ werde, wie es in Medienberichten geheißen hatte, mahnte Gentiloni zur Vorsicht. Die deutsche Wirtschaft sei stark und habe die Mittel, sich zu erholen.
Die Inflationsprognose für die Eurozone für dieses Jahr wurde im Vergleich zum Frühjahr (5,8 Prozent) auf 5,6 Prozent nach unten korrigiert. Für 2024 werden 2,9 Prozent (bisher 2,8 Prozent) erwartet. Für die gesamte EU schätzt die Behörde die Inflation in diesem Jahr auf 6,5 Prozent (zuvor 6,7 Prozent) und im kommenden Jahr auf 3,2 Prozent (zuvor 3,1 Prozent).
Für Deutschland rechnen die Experten mit einer Inflationsrate von 6,4 Prozent in diesem und 2,8 Prozent im nächsten Jahr. Zwar seien die Preise für Energie und Dienstleistungen in der ersten Jahreshälfte stärker gesunken als erwartet, doch dürfte die Teuerung vor allem bei den Dienstleistungen wegen steigender Preise hoch bleiben, hieß es. Im kommenden Jahr dürfte eine allmähliche Verlangsamung des Preisauftriebs bei den Gütern zu einem Rückgang der Gesamtinflation führen, so die Experten.
Klimakrise hemmt Wachstum
Insgesamt bleibe der Ausblick von Risiken und Unsicherheiten geprägt, die sich aus der anhaltenden Aggression Russlands gegen die Ukraine und den weitreichenden geopolitischen Spannungen ergäben, so die Kommission. Zudem könnte die Straffung der Geldpolitik die Wirtschaft stärker als erwartet belasten, aber auch den Rückgang der Inflation beschleunigen.
Darüber hinaus würden die Aussichten durch wachsende Klimarisiken eingetrübt – erkennbar etwa an den beispiellosen Waldbränden und Überschwemmungen in Europa in diesem Sommer. „Natürlich gibt es da einen Einfluss“, sagte Gentiloni. Das sei eine Herausforderung. „Wenn wir das Klimarisiko als ein potenzielles makroökonomisches Risiko für die EU-Wirtschaft erwähnen, sollten wir dies sehr ernst nehmen.“




