Transformation

Die IG Metall sorgt sich um den klimaneutralen Umbau der Industrie. Deutschland drohe eine massive De-Industrialisierung, wenn der Umbau nicht gelinge. Die Regierung müsse „endlich den großen Wurf wagen“.

„Für die Industrie ist 2024 das Schicksalsjahr“


Die IG Metall fordert ein umfassendes Konzept für den klimaneutralen Umbau der deutschen Industriegesellschaft. Dazu soll eine „Transformationskommission“ eingesetzt werden, die bis September konkret aufzeigen soll, wie die Klimaziele erreicht und gleichzeitig Industrie und Arbeitsplätze gestärkt werden können.

Neben Bund und Ländern sollten sich auch Unternehmen und die IG Metall beteiligen, schlug der Vize-Vorsitzende Jürgen Kerner am Donnerstag in Frankfurt vor. Er warnte vor einer umfassenden De-Industrialisierung, wenn der Umbau nicht gelinge. „Für die Industrie ist 2024 das Schicksalsjahr“, sagte Kerner.

Die Beschäftigten verlangten eine klare Perspektive, sagte IG-Metall-Chefin Christiane Benner. Sicherheit im Wandel sei der beste Schutz vor Politikverdrossenheit. Aktuell sehe sie ein gemischtes Bild: Einerseits gebe es wichtige industrielle Neuansiedlungen, etwa bei der Batteriefertigung oder Halbleiterproduktion. Gleichzeitig nähmen Standortschließungen und Verlagerungen zu, von denen ganze Regionen betroffen seien.

Der Ampel-Koalition warf die Gewerkschafterin „kleinteiliges, teils dogmatisches Handeln“ vor. Die Regierung müsse im laufenden Jahr „endlich den großen Wurf wagen“. Für die IG Metall stehe außer Frage, dass die Transformation hohe staatliche Investitionen erfordere.

Benner nannte die Summe von 500 Milliarden Euro über einen Zeitraum von zehn Jahren. Dafür sollte entweder ein Sondervermögen geschaffen oder die Schuldenbremse abgeschafft oder zumindest reformiert werden.

„Streikkasse ist gut gefüllt“

Deutschlands größte Gewerkschaft hat im vergangenen Jahr Mitglieder verloren. Zum Jahresende waren 2,136 Millionen Mitglieder bei der IG Metall registriert – rund 10 000 weniger als ein Jahr zuvor.

Die Mitgliedsbeiträge summierten sich 2023 dennoch auf den Rekordwert von 620 Millionen Euro. „Der Mitgliederzulauf in den Betrieben gewährleistet: Unsere Streikkasse ist gut gefüllt“, stellte die neue Hauptkassiererin Nadine Boguslawski fest. Der Löwenanteil der Einnahmen fließe in die bundesweit 148 Geschäftsstellen für die Arbeit in den Betrieben und vor Ort.

Grafik: picture alliance/dpa-Infografik

In der im Herbst anstehenden Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie mit rund 3,9 Millionen Beschäftigten wird die IG Metall neben Lohnerhöhungen voraussichtlich weitere Wahlmöglichkeiten zur individuellen Arbeitszeitverkürzung fordern. Näheres werde eine Mitgliederbefragung im Frühsommer ergeben, sagte Boguslawski.

Die für einige Beschäftigtengruppen bereits eingeführten Wahlmöglichkeiten beim tariflichen Zusatzgeld seien sehr beliebt, wenngleich es keine Branchenzahlen gebe. In ausgewählten Betrieben hätten sich 50 bis 60 Prozent der Anspruchsberechtigten für zusätzliche Freizeit statt mehr Geld entschieden.

Benner forderte mehr gesetzlichen Schutz bei der Gründung von Betriebsräten und eine Ausweitung der Mitbestimmung auf strategische Fragen. „Die Beschäftigten brauchen die Erfahrung, dass sie den Veränderungen nicht ausgeliefert sind, sondern diese mitgestalten können“, sagte sie. „Das geht nur mit mehr Demokratie im Betrieb.“

320°/dpa

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