Preise im Keller

Die Preise sind schlecht, der Absatz auch und die Qualität der Altkleider erst recht: Der Entsorgerverband bvse warnt vor einem Kollaps des Alttextilmarktes. Für viele Recycler sei die Marktsituation existenzbedrohend.

bvse: Alttextilmarkt im freien Fall


Der Entsorgerverband bvse sieht die Textilrecyclingbranche in einer tiefen Krise, die für die Recyclingunternehmen zunehmend existenzbedrohend sei. Seit dem Frühjahr 2024 befänden sich die Preise für originäre Sammelware auf einem historischen Tiefstand. Die Erlöse aus dem Verkauf der Altkleider deckten nicht mehr die hohen Kosten für Containeraufstellung, Sammlung und Verwaltung.

Der Markt befinde sich in einem Zustand des „freien Falls“, erklärt der Verband. Viele Unternehmen der Branche kämpften ums Überleben, gewohnte Lieferketten seien zusammengebrochen. Der Verkauf von tragfähiger Ware und sortierter Kleidung sei nahezu unmöglich geworden, was zu wachsenden Lagerbeständen führe.

Rekordbestände bei Originalware

Die aktuelle Krise sei gravierender ist als die COVID-19-Krise. Bei Corona habe es sich um einen absehbaren Zeitraum von wenigen Monaten gehandelt, danach habe sich die Branche relativ schnell erholt, die Preise hätten sich aufgrund des Nachholbedarfs schnell wieder normalisiert. Die aktuelle Situation sei anders. „Wir haben nun eine völlig andere Lage, die existenzbedrohend für viele der etablierten Alttextilrecycler der Branche ist“, sagt Stefan Voigt, Vorsitzender des Fachverbands Textilrecycling (FTR) im bvse.

Einige Akteure seien nun gezwungen, auf den Tauschhandel zurückzugreifen, da der Verkauf kaum noch realisierbar sei. „Durch den Wegfall etablierter Marktteilnehmer sind jahrelang erprobte Lieferketten zerstört worden, und die Lagerbestände von Original- und sortierter Ware haben bisher unbekannte Rekordmengen erreicht“, berichtet der bvse. Auch in der weiteren Verwertungskette, zum Beispiel bei Reißereien und Spinnereien, sei der Druck spürbar. Viele dieser Unternehmen hätten bereits Personal abgebaut.

Auch die Nachfrage nach Putzlappen, traditionell ein wichtiger Bestandteil der Alttextilverwertung, sei stark zurückgegangen. Gründe dafür sind Produktionsverlagerungen ins Ausland und eine sinkende Nachfrage im Inland. In der Folge sei der Preis auf ein „sehr geringes“ Niveau abgerutscht.

Erschwerend kommt das veränderte Konsumverhalten der Bevölkerung hinzu. Aufgrund der hohen Lebenshaltungskosten ist der Neukauf von Textilien stark zurückgegangen. Ein wachsender Anteil der Kleidung, die in den Containern landet, besteht laut bvse aus minderwertiger „Ultra Fast Fashion“. Diese Kleidung weise bereits nach kurzer Zeit erhebliche Mängel auf und sei kaum noch für den Wiederverkauf geeignet.

„Im Sortierprozess werden immer öfter größere Mengen an relativ neuwertigen Textilien gefunden, die bereits so defekt sind, dass sie nicht mehr für den Weitergebrauch geeignet sind“, erklärt Voigt. Das belaste die Recycler zusätzlich, da der Recyclingprozess für beschädigte Textilien kostenintensiv ist.

Die Recyclingwirtschaft fordert daher dringend die Einführung eines nationalen Systems der erweiterten Herstellerverantwortung (EPR). Bisher wird der Anteil der nicht verwertbaren Ware durch den Erlös der verkäuflichen Kleidung subventioniert. „Doch dieses System funktioniert schon seit Längerem nicht mehr“, so der bvse.

Der Entwurf der EU-Kommission zur Überarbeitung der EU-Abfallrahmenrichtlinie sieht ein solches EPR-System für Textilien vor. Auch die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie des Bundesumweltministeriums betont die Bedeutung eines geschlossenen Textilkreislaufs. Ohne eine funktionierende Recyclingwirtschaft sei dies jedoch nicht zu erreichen, warnt der Verband.

Schwierige Märkte in Osteuropa und Afrika

Die Krise ist nicht auf Deutschland beschränkt. Auch in den Niederlanden, dem größten Abnehmer deutscher Alttextilien, ist die Marktsituation prekär. Dort sind rund 250 Unternehmen mit der Sammlung, Sortierung und Vermarktung von Altkleidern beschäftigt.

Hinzu komme der instabile osteuropäische Markt. „Bedingt durch die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges in der Ukraine ist der osteuropäische Markt nur noch bruchstückhaft zu bedienen“, sagt Voigt.

Und auch in Afrika wachsen die wirtschaftlichen Herausforderungen. „Der enorme Werteverfall von vielen Währungen in diversen afrikanischen Ländern sorgt dafür, dass der Kauf von dringend benötigter Secondhand-Kleidung gegen harte Devisen immer schwieriger wird“, erklärt Voigt. So habe die Währung Ghanas im Jahr 2024 gegenüber dem Euro rund 20 Prozent an Wert verloren. Zudem dauere der Transfer von Devisen inzwischen bis zu zwei Monate, sodass der Rückfluss von Verwertungserlösen inzwischen bis zu einem halben Jahr dauere.

Nicht zuletzt werde der afrikanische Markt zunehmend von Billigware aus China überschwemmt. „Die eigentlich bessere Qualität guter gebrauchter europäischer Secondhand-Kleidung kann sich kaum mehr gegenüber asiatischer Neuware durchsetzen“, so Voigt. Auch logistische Probleme, wie lange Wartezeiten für Visa zur Geschäftsabwicklung, verschärfen die Situation.

„Verwertungserlöse finden nicht mehr statt“

Angesichts dieser Entwicklungen fordert die Branche dringend Maßnahmen, um den drohenden Kollaps abzuwenden. Insbesondere die Vergütungsstrukturen für Kommunen und Stellplatzgeber von Sammelcontainern müssten überarbeitet werden. „Verwertungserlöse finden eben seit einiger Zeit nicht mehr statt, also können derzeit solche nicht mehr ausgeschüttet beziehungsweise müssen an die aktuellen Verhältnisse angepasst werden“, so Voigt.

Die Textilrecycler gehen davon aus, dass die Krise noch länger andauern wird. Erste Anzeichen für einen bevorstehenden Umbruch seien bereits erkennbar: Sammelgebiete würden viele Sammelgebiete auf dem freien Markt angeboten. Sammelkapazitäten würden ersatzlos gestrichen.

320°/re

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