Marktkrise

Die Kunststoffrecycler in Europa stecken in einer tiefen Krise. Die Zahl der Betriebsschließungen nimmt zu. Nun brauche es ein entschlossenes Gegensteuern der Politik, fordern Branchenvertreter. Doch wie wahrscheinlich ist das?

Kunststoffrecycling: „Die Lage ist dramatisch“


Die Zukunft des Kunststoffrecyclings in Deutschland wird immer ungewisser. Erst vor wenigen Tagen kündigte Veolia Umweltservice an, seine Kunststoffrecycling-Standorte in Bernburg (Sachsen-Anhalt) zum Jahresende zu schließen. Die Tochterfirmen Multiport und MultiPet, die mit einer jährlichen Verarbeitungskapazität von rund 70.000 Tonnen zu den größten Anlagen Europas zählten, sind nicht mehr rentabel.

Die Entscheidung von Veolia könnte symptomatisch für die gesamte Branche werden. „Die Lage ist dramatisch“, konstatiert Herbert Snell, Vizepräsident des Fachverbands Kunststoffrecycling im Entsorgerverband bvse. Snell beschreibt eine tiefgreifende Marktkrise, die sich seit zwei Jahren durch die gesamte Wertschöpfungskette frisst. Eine schwächelnde Industrienachfrage hat zu einem massiven Preisverfall geführt, von dem nicht nur Neuware, sondern auch Rezyklate betroffen sind. In diesem Umfeld wird das Recycling für viele Betriebe zum Verlustgeschäft.

Die Zahlen des Verbands Plastics Recyclers Europe untermauern die düstere Analyse. Im Jahr 2023 mussten in Europa Produktionskapazitäten von 135.000 Tonnen stillgelegt werden, für 2024 schlägt ein weiterer Ausfall von 280.000 Tonnen zu Buche. Besonders betroffen sind neben Deutschland auch die Niederlande und das Vereinigte Königreich.

„Es fehlt an politischem Willen“

Als Hauptursache für die Misere identifiziert Snell ein Bündel aus Marktversagen und politischen Versäumnissen. „Es fehlt nach wie vor an einem echten politischen Willen, Rezyklate strategisch und nachhaltig einzusetzen“, so der Experte. In der Praxis greifen Hersteller nur dann zu recyceltem Kunststoff, wenn er günstiger ist als Neuware – was jedoch nicht der Fall ist. Gleichzeitig verzerren billige Kunststoffimporte, die oftmals nicht den europäischen Umwelt- und Qualitätsstandards entsprechen, den Wettbewerb.

Die Folgen für die Unternehmen sind gravierend. „Die Zahl der Betriebsschließungen und Insolvenzen nimmt zu, die Produktionsleistung geht zurück, Investitionen werden zurückgefahren oder ganz gestoppt“, sagt Snell. „Wenn die Politik nicht entschlossen gegensteuert, droht ein massiver Rückbau der Branche.“

Um den Kollaps abzuwenden, fordert der Branchenverband eine „echte industriepolitische Kehrtwende“. Notwendig sei ein Bündel an Maßnahmen: Der europäische Markt müsse durch eigene Zollcodes und strikte Nachhaltigkeitsvorgaben für Importe geschützt werden. Gleichzeitig müssten die Energiepreise für die energieintensiven Recyclingprozesse sinken und bürokratische Hürden, etwa bei Genehmigungsverfahren, abgebaut werden.

„Die Politik muss endlich die Voraussetzungen schaffen, damit Recycling wirtschaftlich tragfähig bleibt“, sagt Snell. „Dazu gehören finanzielle Anreize, steuerliche Vorteile für Produkte mit EU-Rezyklatanteil und eine nachhaltige öffentliche Beschaffung.“ Snell pocht zudem auf eine Reform der Herstellerverantwortung durch sogenannte Ökomodulationsmodelle. Diese sehen vor, dass Hersteller, die auf europäische Rezyklate setzen oder besonders recyclingfähige Verpackungen gestalten, finanziell entlastet werden.

320°/re

Mehr zum Thema
BDI: 2026 wird entscheidendes Jahr für die Industrie
Volkswagen Zwickau wird zum Zentrum für Kreislaufwirtschaft
„Made in Europe“: Was der Industrial Accelerator Act regeln will
KI-Sortierung ermöglicht lebensmittelechtes Tray-Recycling
Batterierecycling: RLG übernimmt Mehrheit an LiBCycle
EU-Kommission plant Privileg für Kunststoffrezyklate aus Europa
Neues Verfahren weist Rezyklate in Elektronik nach
Altpapierpreise auch zum Jahresende schwach
Circular Economy Winter Package: Es fehlt die Soforthilfe