Kritik der DUH

Fast 90 Prozent CO2-Einsparung verspricht der Biokraftstoff HVO100 an der Tankstelle. Eine neue Studie entlarvt den Kraftstoff aus Altspeiseöl als klimaschädlich. In manchen Fällen sogar klimaschädlicher als fossiler Diesel.

„HVO100-Diesel ist eine Mogelpackung“


Es klingt nach einer guten Lösung für eine Kreislaufwirtschaft im Verkehr: Aus Altspeiseöl wird ein Kraftstoff gewonnen, der den CO2-Ausstoß im Vergleich zu fossilem Diesel um fast 90 Prozent senken soll. Seit Mai 2024 ist dieser als HVO100 bekannte Kraftstoff an deutschen Tankstellen frei erhältlich. Doch eine neue Studie stellt diesem Versprechen nun ein schlechtes Zeugnis aus.

Im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hat das Institut für Energie- und Umweltforschung (ifeu) die gesamte Wertschöpfungskette des Kraftstoffs analysiert. Das Ergebnis der Untersuchung ist ernüchternd: Der Einsatz von Altspeiseöl in HVO100 und Biodiesel ist demnach mindestens ebenso klimaschädlich wie der von fossilem Diesel und in manchen Fällen sogar schädlicher. Die viel gepriesene CO2-Einsparung existiere in der Praxis nicht.

Verschiebung des Problems

Ein zentraler Kritikpunkt sind die indirekten Effekte auf die globale Palmölproduktion. Wenn Deutschland beispielsweise Altspeiseöl aus Indonesien oder Malaysia importiert, fehlt es dort für seine ursprüngliche Verwendung. Diese Lücke werde dann häufig durch den Einsatz von frischem Palmöl geschlossen, was zu Regenwaldrodungen und massiven Umweltschäden durch Landnutzungsänderungen führe.

„Der vermeintlich grüne HVO100-Diesel ist eine Mogelpackung“, sagt Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH. „HVO100 aus Altspeiseöl ist mindestens so klimaschädlich wie fossiler Diesel.“ Die Behauptung, Diesel aus Frittenfett könne nahezu 90 Prozent CO2 im Vergleich zu fossilem Diesel einsparen, habe nichts mit der Realität zu tun. Die Umwelthilfe fordert daher einen sofortigen Verkaufsstopp und das Ende der Förderung.

„Von der linken in die rechte Tasche“

Doch selbst ohne die Palmöl-Problematik bleibt die Klimabilanz laut Studie negativ. Denn die Aussage, dass HVO100 zu einer CO2-Einsparung von fast 90 Prozent führt, treffe nur unter der Annahme zu, dass das Altspeiseöl zusätzlich neu gesammelt würde, erklärt die Umwelthilfe. Tatsächlich werde Altspeiseöl fast immer bereits genutzt, beispielsweise als Ersatz für fossiles Heizöl in der Energieerzeugung. Dort spare der Einsatz von Altspeiseöl bereits CO2 ein. Wenn Altspeiseöl hingegen zu Kraftstoff verarbeitet wird, fehle es in der bisherigen Verwendung und es erfolge keine zusätzliche Einsparung, so die Umweltorganisation. „Die CO2-Einsparung wandert dann einfach von einer Verwendung in die andere, sprich von der linken in die rechte Tasche.“

Hinzu kommt der Aspekt zunehmender Palmölabfälle. „In den letzten zwei Berichtsjahren der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung ist der Anteil von Palmölabfällen, sogenannte POME, an der HVO-Produktion erheblich angestiegen“, erklärt der Verkehrsexperte Axel Friedrich. „Bei der Gewinnung von POME werden enorme Methan-Emissionen freigesetzt. Da Methan über 20 Jahre hinweg eine 82-mal stärkere Klimaerhitzung verursacht als CO2, muss das Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung dringend die Klimagasemissionen ermitteln und die Zertifikate zurückziehen“, fordert er.

Darüber hinaus gibt es laut Umwelthilfe immer wieder Hinweise auf Betrug. Dabei werde frisches Palmöl als Altspeiseöl deklariert, um als angeblicher Abfallstoff für den EU-Markt zugelassen zu werden. Auch andere Rohstoffe für Kraftstoffe wie Industrieabfälle oder Palmölmühlenabwässer, die offiziell als fortschrittliche Biokraftstoffe gelten, seien betroffen.

320°/sr

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