Vermehrte Diebstähle

Kriminelle Banden haben den Diebstahl von Altfett als lukratives Geschäft entdeckt. Sie plündern zunehmend die Hinterhöfe von Gaststätten – ohne strafrechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen.

Altes Frittierfett wird zur Beute von Banden


Es war tief in der Nacht zum Mittwoch, als eine Streife der Polizei in Hockenheim, Baden-Württemberg, auf einen unauffälligen Kleinlaster aufmerksam wurde. Bei der Kontrolle des Fahrzeugs machten die Beamten einen Fund, der auf den ersten Blick ungewöhnlich wirkte: Zwölf Fässer, randvoll gefüllt mit zähflüssigem Altfett, lagerten auf der Ladefläche. Die Ermittlungen führten schnell zu einem Schnellrestaurant im Ort, an dem die Beamten frische Einbruchsspuren und passende Schuhabdrücke sicherten.

Was wie ein skurriler Einzelfall wirkt, ist in Wahrheit Teil eines großangelegten kriminellen Geschäftsmodells. Altfett, das auf Hinterhöfen von Gaststätten in speziellen Tonnen lagert, wird unter anderem für die Herstellung von Biodiesel gebraucht und ist deshalb wertvoll. Kriminelle Banden haben dieses Potenzial erkannt. Laut dem Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft (BDE) schöpfen die Täter das Fett eimerweise ab oder entwenden die Behälter komplett, wie Überwachungsvideos belegen.

Altfett erlöst bis zu 900 Euro pro Tonne

Die Dimension des Diebstahls hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verschärft. „Unsere Mitgliedsunternehmen beobachten seit 2022 einen massiven Anstieg, allein 2023 wurden bundesweit über 7.000 Fälle angezeigt“, berichtet der BDE. Doch während die Fallzahlen explodieren, bleiben die juristischen Konsequenzen meist aus.

„Nach Rückmeldungen aus der Branche wurden nahezu alle Verfahren eingestellt, häufig mit Verweis auf vermeintliche Bagatelldelikte“, heißt es dazu vom Verband. Dabei agieren die Tätergruppen laut Branchenkennern hochgradig organisiert und arbeitsteilig. „Rechtskräftige Urteile sind uns nicht bekannt; die meisten Ermittlungen enden frühzeitig“, beklagt der BDE.

Das Geschäftsmodell der Diebe basiert auf dem hohen Marktwert des Sekundärrohstoffs. Bis zu 900 Euro pro Tonne Altfett werden mittlerweile gezahlt. Pro Jahr fallen in Deutschland rund 120.000 Tonnen Altspeisefett an.

Da für die legale Nutzung in der Industrie strenge Zertifizierungspflichten gelten, müssen die gestohlenen Mengen gewaschen werden. Die Ware wird daher über inoffizielle Kanäle gegen Barzahlung verkauft. Die Route führt dabei insbesondere in die Niederlande. Dort befindet sich in der Region um Rotterdam das größte Biofuel-Cluster in Europa, was den Absatz der illegalen Ware erleichtert.

Die Leidtragenden sind nicht nur die Entsorger, sondern auch die Gastronomen, denen Einnahmen aus dem Verkauf an Recyclingunternehmen entgehen. Ein Unternehmer aus der Pfalz schilderte dem Saarländischen Rundfunk die dramatische Lage als „existenziellen Bedrohung“ für seinen Betrieb. „Wenn wir Touren fahren mit unseren Fahrzeugen, haben wir am Tag circa zwei bis drei Diebstähle, die wir gesichert nachweisen können“, sagt er.

Der wirtschaftliche Schaden summiert sich schnell. Allein diesem Betrieb sei im laufenden Jahr bereits ein Verlust von rund 40.000 Euro entstanden.

320°/dpa/re

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