Zahlen für Oktober
Fast zehn Prozent mehr Inlandsaufträge in einem einzigen Monat – in normalen Zeiten wäre das ein Grund zum Jubeln. Doch das Plus in der Industrie ist vor allem staatlich finanziert. Und das Exportgeschäft ist unverändert schwach.
Industrieaufträge: Bodenbildung ja, Aufschwung nein
Die Zahlen, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Montag veröffentlichte, lesen sich zunächst wie eine langersehnte Entwarnung für den Standort Deutschland. So legten die Bestellungen im verarbeitenden Gewerbe im Oktober im Vergleich zum Vormonat um 1,5 Prozent zu. Das ist deutlich mehr, als die Analysten erwartet hatten – sie hatten lediglich mit einem Zuwachs von 0,3 Prozent gerechnet. Auch der September fiel mit einem revidierten Anstieg von 2,0 Prozent stärker aus als ursprünglich angenommen.
Doch der zweite Blick offenbart die Fragilität dieser Erholung. Klammert man die schwankungsanfälligen Großaufträge aus, schmilzt das Plus auf 0,5 Prozent zusammen. Zudem sind die Inlandsaufträge, die um stattliche zehn Prozent gegenüber dem Vormonat zulegten, vor allem staatlich finanziert. „Darin manifestieren sich die höheren Militär- und Infrastrukturausgaben der Bundesregierung“, schreibt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. „Vor allem die höheren Militärausgaben schlagen sich positiv nieder.“
Zugleich stottert der Wachstumsmotor Export unverändert. Im Oktober brachen die Bestellungen aus dem Ausland um vier Prozent gegenüber dem Vormonat ein. Dies dürfte auch eine Folge der anhaltenden geopolitischen Spannungen und der protektionistischen Tendenzen im Welthandel sein.
„Immerhin eine Bodenbildung“
Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), wertet die Gesamtentwicklung im Oktober dennoch als Hoffnungsschimmer. „Die Daten zu den Auftragseingängen sind ein positives Signal und ein Indiz für die Stabilisierung der Lage in der deutschen Industrie“, so Dullien. Etwas skeptischer äußert sich LBBW-Analyst Jens-Oliver Niklasch: „Das sieht jetzt immerhin mal ein bisschen nach Bodenbildung aus.“
Ähnlich sieht das der Commerzbank-Experte Ralph Solveen. „Damit kann man nun wieder eindeutig von einem Seitwärtstrend reden – sowohl bei der Gesamtgröße als auch bei der Kerngröße.“ Die Industrie habe sich wohl stabilisiert, „ein Aufschwungsignal lässt aber weiter auf sich warten“.
Der Chef des Chemieriesen BASF, Markus Kamieth, versucht unterdessen, die Debatte um den Industriestandort zu versachlichen. Dem „Handelsblatt“ gegenüber äußerte er sich kritisch zum Begriff der „Deindustrialisierung“. Er möge das Wort nicht. „Wir sind ein Wirtschaftsraum mit hohem Industrieanteil an der Wertschöpfung“, so der Manager. „Das bleibt so, auch wenn er etwas sinken wird.“
Kamieth skizziert ein Bild des Wandels, nicht des Niedergangs. Unternehmen würden sich restrukturieren und ihre Kapazitäten anpassen, aber eben auch neu investieren. „Die Industrie in Deutschland wird nicht verschwinden“, betont der BASF-Chef. Gerade die energieintensive chemische Industrie steht jedoch unter enormem Druck durch hohe Strompreise und regulatorische Vorgaben, was den Transformationsprozess beschleunigt.
Verhaltene Aussichten
Der Blick in die Zukunft bleibt verhalten. Für das kommende Jahr rechnet Commerzbank-Ökonom Solveen zwar mit einer leichten Belebung. „Im kommenden Jahr dürfte es wegen der expansiven Finanzpolitik sogar wieder etwas aufwärtsgehen, ohne dass damit die strukturellen Probleme der deutschen Industrie und der gesamten deutschen Wirtschaft gelöst wären“, heißt es in seiner Analyse. Zwar rechne man erstmals seit längerer Zeit wieder mit einem „nennenswerten Wachstum“, einen „kraftvollen Aufschwung“ werde es aber weiterhin nicht geben.
Auch LBBW-Experte Niklasch warnt vor Illusionen: „Machen wir uns aber nichts vor: Bis wir wirklich Grund für Zuversicht haben, ist noch ein weiter Weg zurückzulegen.“ Die Frühindikatoren und die allgemeine Stimmung seien weiterhin „tiefschwarz“.



