Fehlender Absatz

Deutschland gilt als Vorreiter im Glasrecycling, doch das System bröckelt. Volle Lager, abgeschaltete Schmelzöfen und stagnierende Quoten setzen die Branche unter Druck. Die Glasrecycler fordern ein schnelles Umsteuern.

Glasrecycling unter Druck: Altglas türmt sich immer mehr


Auf den Lagerflächen vieler deutscher Recyclinghöfe bietet sich derzeit ein ungewohntes Bild. Wo Altglas normalerweise nur kurz zwischenlagert, bevor es eingeschmolzen und zu neuen Flaschen geformt wird, türmen sich die Scherbenberge inzwischen meterhoch. Besonders Grünglas, sonst ein begehrter Sekundärrohstoff, staut sich auf den Betriebsgeländen zurück.

Die Gründe liegen in der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Glasindustrie. Hohe Energiepreise, die wachsende Konkurrenz aus dem Ausland und ein verändertes Konsumverhalten setzen den Herstellern zu. Zahlreiche deutsche Glashütten haben ihre Produktion bereits reduziert oder komplett eingestellt.

„Uns fehlt zunehmend die Schmelzkapazität – und ohne Schmelzöfen gibt es kein Recycling, so einfach ist das“, sagte Marc Uphoff, Geschäftsführer des Glasrecyclingunternehmens Reiling, am Dienstag auf der Konferenz Verpackungsrecycling in Berlin. Besonders beim Grünglas, das in großen Mengen anfällt, fehlt es an Abnehmern. Inzwischen seien die Lagerflächen auf den Recyclinghöfen nahezu ausgeschöpft.

„Wenn der Kreislauf reißt, trifft es alle“

Hinzu kommt der hohe Anteil an Altglas, der im Restmüll landet. „Es ist paradox: Die Menschen wollen nachhaltig handeln – und dennoch werfen wir jedes Jahr Hunderttausende Tonnen Glas in die falsche Tonne“, sagte Uphoff. Die Folge: Die gesetzlich vorgeschriebene Sammelquote von 90 Prozent kann nicht mehr erreicht werden. Mit 82 bis 83 Prozent stagniert die Quote seit Jahren.

Uphoff sieht inzwischen den Kipppunkt erreicht. „Wir stehen an einem Punkt, an dem ein jahrzehntelang stabiles System ins Wanken gerät“, so der Geschäftsführer und Vizepräsident des Entsorgerverbands bvse. Sollte der Kreislauf tatsächlich reißen, wären die Konsequenzen weitreichend. Händler und Abfüller könnten sich von der Glasverpackung abwenden und auf andere Materialien ausweichen.

Zudem stünde das Vertrauen der Verbraucher in die Sinnhaftigkeit der getrennten Sammlung auf dem Spiel. „Wenn der Kreislauf reißt, trifft es am Ende alle – Industrie, Handel, Verbraucher und Kommunen“, betonte Uphoff.

Um den Kollaps abzuwenden, fordern die Recycler ein schnelles Umsteuern. Die Produktionsbedingungen für die Glasindustrie müssten verbessert werden, um die Schmelzkapazitäten wieder hochzufahren. Zudem pocht die Branche auf höhere Scherbeneinsatzquoten, insbesondere bei importierten Glasverpackungen, die bislang häufig mit wenig Scherben (Rezyklat) hergestellt werden. Kurzfristig seien zudem unbürokratische Genehmigungen zur Erweiterung von Lagerflächen nötig. Auch alternative Verwertungswege, etwa der Einsatz von Glasgranulat im Baustoffbereich, müssten erschlossen werden.

Für Uphoff ist die Zeit des Abwartens vorbei. „Jetzt ist Mut für pragmatische Entscheidungen gefragt – sonst verlieren wir einen der erfolgreichsten Wertstoffkreisläufe Europas.“

320°/sr

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