CO2-Ausstoß

Die Hinweise, dass die EU-Kommission das strikte Verbrenner-Verbot lockern will, verdichten sich. Offenbar sind Kompensationsmaßnahmen mit grünem Stahl im Gespräch. Doch Experten warnen: Damit wäre der Autoindustrie nur kurzfristig geholfen.

EU-Kommission plant Abkehr vom vollständigen Verbrenner-Aus


Ein Brief aus Paris brachte in dieser Woche Bewegung in eine Debatte, die viele in Brüssel bereits für beendet hielten. Wie die französische Wirtschaftszeitung „Les Echos“ berichtet, sandte die Regierung in Paris am Dienstag ein Schreiben an die Europäische Kommission, das eine bemerkenswerte Kurskorrektur andeutet. Frankreich, das sich noch im Oktober gemeinsam mit Spanien für das strikte Verbrenner-Aus starkgemacht hatte, signalisiert nun Offenheit für „gezielte Flexibilität“ und „Technologieneutralität“.

Nunmehr plant auch die EU-Kommission, das faktische Verbot für Neufahrzeuge mit Verbrennungsmotor ab dem Jahr 2035 aufzuweichen. Dies wurde der Deutschen Presse-Agentur aus Kreisen der Kommission bestätigt. Ein entsprechender Vorschlag, der noch vom Kollegium der EU-Kommissare angenommen werden muss, soll in der kommenden Woche offiziell präsentiert werden.

„Statt 100 Prozent eine 90-prozentige Reduktion“

Der Kern der geplanten Neuregelung betrifft die sogenannten Flottengrenzwerte. Eigentlich hatten sich die Unterhändler des Europaparlaments und der EU-Mitgliedstaaten im Jahr 2022 darauf geeinigt, dass Neuwagen ab 2035 im Betrieb kein klimaschädliches Kohlenstoffdioxid (CO2) mehr ausstoßen dürfen – eine Reduktion um 100 Prozent. Von dieser absoluten Vorgabe will die Behörde abrücken.

Manfred Weber, Fraktionsvorsitzender der Europäischen Volkspartei (EVP), konkretisierte die Pläne gegenüber der „Bild“-Zeitung: „Bei Neuzulassungen ab 2035 soll nun statt 100 Prozent eine 90-prozentige Reduktion des CO2-Ausstoßes für die Flottenziele der Automobilhersteller verpflichtend werden.“ Selbst für das Jahr 2040 ist laut Weber kein Ziel von 100 Prozent mehr vorgesehen.

Die verbleibenden Emissionen sollen dann durch andere Maßnahmen kompensiert werden. In Kommissionskreisen gilt etwa die Anrechnung von umweltfreundlich hergestelltem „grünen Stahl“ in der Fahrzeugproduktion als denkbares Szenario.

Vorgesehen sind die Ausnahmen für Plug-in-Hybride sowie Elektroautos mit sogenannten Range-Extendern – kleinen Verbrennungsaggregaten, die die Reichweite erhöhen. Unklar blieb zunächst, ob diese Ausnahmeregelungen auch klassische Benzin- und Dieselfahrzeuge umfassen werden.

Die Pläne stoßen in der Fachwelt auf Kritik. Patrick Plötz, Wissenschaftler am Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, bezeichnet eine Aufweichung des Null-Gramm-Ziels als grundsätzlich falschen Weg. Der Absatz von Pkw mit Verbrennungsmotor sinke global seit Jahren, zitiert das Science Media Center (SMC) den Forscher. „Planungssicherheit und Glaubwürdigkeit sind zentrale Elemente langfristiger Industrie- und Klimapolitik und voll durch das 2035-Ziel gegeben“, sagte er. 

Auch der europäische Dachverband Transport & Environment (T&E) warnt vor den Folgen einer 90-Prozent-Regelung. „Wenn die Flottengrenzwerte auf 90 Prozent abgeschwächt werden, könnten fast die Hälfte der 2035 verkauften Autos Plug-in-Hybride sein“, rechnet Sebastian Bock, Geschäftsführer von T&E Deutschland, vor. „Dabei wissen wir schon jetzt, dass Plug-in-Hybride fast genauso klimaschädlich sind wie Verbrenner. Reale Daten zeigen, dass Plug-in-Hybride auf der Straße fast fünfmal so viel CO2 ausstoßen, wie auf dem Papier.“

Zudem würden die neuen Vorgaben die Autobauer zwingen, weiterhin in eine überkommene Technologie zu investieren, um auch nach 2035 noch Verbrenner verkaufen zu können. „Jeder Cent, den die Hersteller hier ausgeben müssen, vergrößert den Rückstand auf die batterieelektrische Konkurrenz“, warnt Bock. Schon heute seien die deutschen Hersteller im größten Automarkt der Welt, in China, weit abgeschlagen. Sollte das Verbrenner-Aus tatsächlich aufgeweicht werden, „könnte die deutsche Autoindustrie zwar noch die letzten Profite aus der Verbrennertechnologie quetschen, würde dafür aber einen hohen Preis zahlen und technologisch endgültig in der zweiten Reihe landen“.

320°/dpa

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