Conversio-Studie

Das chemische Recycling könnte die deutsche Abfallbilanz verbessern, doch die Investitionen stocken. Eine neue Studie zeigt, welcher Kapazitätsaufbau realistisch ist – und warum die Chemiekonzerne erwartungsvoll nach Brüssel blicken.

Chemisches Recycling: Viel Vision, kaum Wirklichkeit


Das chemische Recycling nimmt in den Strategiepapieren der Chemiekonzerne viel Platz ein. Das Versprechen klingt verlockend – was mechanisch nicht recycelbar ist, wird chemisch in seine Bestandteile zerlegt und als neuwertiger Rohstoff in den Kreislauf zurückgeführt. Doch wer in Deutschland nach solchen Anlagen sucht, wird bislang kaum fündig. Nach wie vor fristet das chemische Recycling in Deutschland ein Nischendasein.

Im vergangenen Jahr waren hierzulande erst vier kleinere Pilotanlagen für das chemische Recycling gemischter Polyolefine in Betrieb, wie eine aktuelle Studie des Marktforschungsunternehmens Conversio im Auftrag der BKV GmbH sowie der Verbände Plastics Europe und VCI belegt. Jede Anlage verfügt über eine maximale Kapazität von 4.000 Tonnen pro Jahr. Hinzu kommt eine einzige industrielle Anlage für die Pyrolyse von Altreifen mit einer Jahresleistung von 20.000 Tonnen.

Diskussion um Massenbilanzierung

Dabei sollte es an Inputmaterial nicht mangeln. Laut der Conversio-Studie stehen dem chemischen Recycling bis 2035 etwa eine halbe Million Tonnen geeigneter Abfälle zur Verfügung – vor allem jene Reste aus dem Gelben Sack, die heute noch verbrannt werden. Doch die Investoren zögern. Zwar werden derzeit zwei industrielle Anlagen gebaut und zehn weitere sind in Planung, doch der große Durchbruch lässt auf sich warten.

„Chemisches Recycling ist bei weitem nicht dort, wo es sein könnte“, sagt Matthias Belitz vom Verband der Chemischen Industrie (VCI). „Doch solange zentrale Rechtsfragen offenbleiben, kommen die notwendigen Investitionen nicht ins Rollen.“

Die Erwähnung des chemischen Recyclings im neuen Verpackungsdurchführungsgesetz sei ein erster wichtiger Schritt, sagt Christine Bunte, Hauptgeschäftsführerin von Plastics Europe Deutschland. Auf europäischer Ebene fehle aber noch die Entscheidung darüber, wie chemisches Recycling auch auf die Quoten für den Einsatz von recycelten Kunststoffen angerechnet werden kann.

Da chemisch recycelte Materialien überwiegend in der Verarbeitung zu neuen Produkten bislang einen geringen Anteil haben, werden sie gemeinsam mit fossilbasierten Materialien verarbeitet. Daher kann ihr Anteil im Endprodukt nicht direkt bestimmt werden. Der Rohstoffanteil wird den Endprodukten deshalb über Massenbilanzen zugeordnet. Ohne eine behördliche Anerkennung dieses rechnerischen Nachweises bleiben die Investitionen jedoch aus.

„Diese endlose Diskussion über die Massenbilanzierung muss daher schnell beendet werden“, fordert Bunte. „Wir hoffen, die Bundesregierung macht hier in Brüssel entsprechend Druck.“

Kapazität von 300.000 Tonnen?

Sollten alle regulatorischen Hürden fallen und die geplanten Projekte realisiert werden, könnte die Kapazität in Deutschland laut Studie auf bis zu 0,8 Millionen Tonnen steigen – das entspräche immerhin rund 13 Prozent des deutschen Kunststoffabfalls. Aufgrund aktueller Verzögerungen rechnen die Studienautoren jedoch eher mit einem Zuwachs auf lediglich 0,3 Millionen Tonnen bis 2035.

Die Studie geht davon aus, dass sich die Investitionen in Deutschland vor allem auf Anlagen für Pyrolyse und Verölung konzentrieren werden. Die Branchenverbände setzen sich jedoch dafür ein, dass auch lösemittelbasierte Prozesse als Teil der Lösung gefördert werden. Dadurch würden deutlich höhere Reinheiten erzielt als bei herkömmlichen mechanischen Recyclingverfahren, argumentieren sie. Folglich könnten mehr Abfälle recycelt werden.


Link zur Studie:

320°/hk

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