Chemisches Recycling

In Belgien steht eine der wenigen chemischen Recyclinganlagen Europas. Jetzt wechselt das Werk den Besitzer – der Kunststoffkonzern Borealis gibt seine Mehrheitsbeteiligung ab.

Borealis gibt Renasci-Beteiligung ab – BlueAlp übernimmt


An der belgischen Nordseeküste in Ostende steht eine der wenigen chemischen Recyclinganlagen Europas, die tatsächlich in Betrieb sind. Das Werk des Betreibers Renasci verarbeitet dort jährlich 20.000 Tonnen Kunststoffabfälle. Bislang hielt der österreichische Kunststoffkonzern Borealis die Mehrheit an dem Projekt.

Doch nun ordnen die Österreicher ihre Strategie neu. Wie Borealis am Dienstag bekannt gab, tritt der Konzern seine Mehrheitsbeteiligung an das niederländische Technologieunternehmen BlueAlp ab. Im Gegenzug erwirbt Borealis einen Anteil von zehn Prozent an BlueAlp.  

Der Schritt folgt einer industriellen Logik. BlueAlp hat die von Renasci genutzte Pyrolysetechnologie nicht nur entwickelt, sondern auch die Anlage gebaut und technisch begleitet. Der Schritt vom externen Dienstleister zum Betreiber soll nun „die technologische Entwicklung beschleunigen, eine robuste Plattform für die Produktion hochwertiger, kreislauffähiger Rohstoffe schaffen und das Lizenzangebot von BlueAlp weiter stärken“, wie Borealis erklärt.

PPWR zwingt zum Handeln

Hintergrund der Transaktion ist der wachsende regulatorische Druck aus Brüssel. Die EU-Verpackungsverordnung (PPWR) zwingt die Unternehmen zum Handeln. Bis zum Jahr 2030 müssen neue Kunststoffverpackungen signifikante Anteile an Rezyklaten enthalten.

Besonders für die Lebensmittel- und Kosmetikindustrie sind die Vorgaben sportlich:

  • Für kontaktempfindliche Verpackungen (außer PET) gilt ab 2030 eine Quote von 10 Prozent.
  • Für PET-Verpackungen sind ab 2030 sogar 30 Prozent Rezyklatanteil vorgeschrieben.

Doch gerade bei Lebensmittel- und Kosmetikverpackungen, die strengen Hygienevorschriften unterliegen, stößt das mechanische Recycling an seine Grenzen. Die Hoffnung der Industrie ruht daher auf dem chemischen Recycling. Bei der Pyrolyse werden Kunststoffe unter Hitze und Druck in ihre molekularen Grundbausteine zerlegt, die anschließend erneut zu hochwertigen Polymeren verarbeitet werden können – auch für den direkten Kontakt mit Lebensmitteln.

„Die direkte Unterstützung von Borealis kommt zu einem entscheidenden Zeitpunkt für die chemische Recyclingindustrie, in der eine rasche Kapazitätserweiterung erforderlich ist, um die Ziele für den Recyclinganteil zu erreichen“, sagt BlueAlp-Chef Valentijn de Neve. Auch Borealis-CEO Stefan Doboczky betont, dass die vertiefte Partnerschaft den Fortschritt beschleunigen werde. Dadurch könne Borealis eine breitere Palette an Polymeren auf Basis chemisch recycelter Rohstoffe anbieten.

Doch über den Plänen schwebt weiterhin eine große Unbekannte. Die Branche kämpft mit erheblicher Rechtsunsicherheit. Auf EU-Ebene ist noch immer ungeklärt, wie chemisch recycelte Materialien auf die verbindlichen Rezyklatquoten angerechnet werden sollen.

Im Kern geht es dabei um die sogenannte Massenbilanzierung. Da in großen Chemieanlagen fossiles und recyceltes Öl oft gemischt verarbeitet werden, lässt sich physikalisch kaum nachweisen, welches Molekül im Endprodukt woher stammt. Die Massenbilanzierung dient hierbei als ein Berechnungsverfahren, das den Anteil recycelter Rohstoffe im Endprodukt ausweist. Doch die Debatte um diesen Ansatz zieht sich seit Jahren hin. Industrieverbände fordern hier schnelle Klarheit – andernfalls seien größere Investitionen kaum zu rechtfertigen.

320°/hk

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