Konjunktur

Die Lage in der deutschen Industrie bleibt angespannt. Beim Industrieverband BDI keimt jedoch vorsichtiger Optimismus für das laufende Jahr auf. Eine entscheidende Gefahr ist vorerst gebannt: Die befürchteten Strafzölle aus den USA bleiben aus.

BDI: 2026 wird entscheidendes Jahr für die Industrie


Noch Anfang Dezember hatte Peter Leibinger den Wirtschaftsstandort Deutschland als im „freien Fall“ befindlich bezeichnet. Am Mittwoch in Berlin klang der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) etwas hoffnungsvoller. „2026 entscheidet sich, ob wir nach Jahren der Stagnation die Basis für einen nachhaltigen Aufschwung legen und damit den Industriestandort Deutschland sichern und retten“, sagte er. Doch noch immer ist die Lage angespannt. „Maschinen stehen still, Produktionspotenzial bleibt ungenutzt, Investitionen werden aufgeschoben, Beschäftigung wird abgebaut“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner.

Die Zahlen, die der Verband präsentierte, untermauern diese Diagnose. Zu Beginn des vierten Quartals 2025 lag die Auslastung der Produktionskapazitäten bei lediglich 78 Prozent – mehr als ein Fünftel der industriellen Kapazitäten blieb ungenutzt. Deutschland schlitterte 2025 nur knapp am dritten Jahr ohne Wirtschaftswachstum vorbei; das Bruttoinlandsprodukt legte lediglich um 0,2 Prozent zu.

Für 2026 rechnet der BDI mit einem Wachstum von einem Prozent. Dieses würde jedoch vor allem von staatlichen Infrastrukturinvestitionen getragen werden. Die Industrie selbst werde voraussichtlich schwächer wachsen als die Gesamtwirtschaft.

Grafik: picture alliance/dpa-Infografik

Leibinger betonte die zeitliche Dimension der Krise: „Die Dauer der Krise ist viel gravierender als die Tiefe der Krise.“ Unternehmen, die Jahr für Jahr Rückgänge verzeichneten, kämen an ihre Substanz. Seit dem Produktionshoch im Jahr 2018 befindet sich die deutsche Industrieproduktion im Abwärtstrend. Sie liegt derzeit rund neun Prozent unter dem Vorkrisenniveau von 2019, in den energieintensiven Industriezweigen Chemie, Metall oder Glas beträgt der Rückgang sogar 15 bis 20 Prozent.

Besonders deutlich zeigt sich die strukturelle Schwäche in der Stahlindustrie. Im Jahr 2025 wurden nur noch 34,1 Millionen Tonnen Rohstahl erzeugt – der niedrigste Wert seit dem Finanzkrisenjahr 2009, als 32,7 Millionen Tonnen produziert wurden. Der Rückgang gegenüber 2024 betrug 8,6 Prozent, wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl in ihrer Jahresbilanz mitteilte. Als Schwelle für eine auskömmliche Auslastung gelten in der Branche 40 Millionen Tonnen. Die Kapazitätsauslastung fiel im vergangenen Jahr unter den kritischen Wert von 70 Prozent.

Signal der Entspannung aus den USA

Der BDI legte am Mittwoch einen Katalog struktureller Maßnahmen vor. Zentrale Punkte sind ein konsequenter Bürokratieabbau, ein langfristiger Fahrplan für ein Energiesystem mit geringeren Systemkosten, schnellere Genehmigungsverfahren für Industrieanlagen, flexiblere Arbeitszeitmodelle sowie Reformen der Sozialversicherungen.

Leibinger räumte aber auch Versäumnisse auf Seiten der Industrie ein. In den Jahren von Anfang der 2000er bis 2018 hätten außergewöhnlich günstige Rahmenbedingungen geherrscht, etwa bei den Energiepreisen. In dieser Phase seien Kostenstrukturen aufgebaut worden, die nun nicht mehr tragfähig seien. Als wichtiges Zukunftsthema benannte er Resilienz – insbesondere die Notwendigkeit, Lieferketten breiter aufzustellen und Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten zu reduzieren.

An der Zollfront zeichnet sich unterdessen keine weitere Verschärfung ab. Am Mittwochabend verkündete US-Präsident Donald Trump nach einem Treffen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos, man habe „den Rahmen für ein künftiges Abkommen in Bezug auf Grönland und sogar die gesamte Arktisregion“ geschaffen. Die ab dem 1. Februar angekündigten Strafzölle auf Waren aus Deutschland und sieben weiteren europäischen Nato-Ländern werde er daher nicht erheben. Die Details des Rahmenabkommens sind bislang nicht bekannt. Berichten zufolge soll das Verteidigungsabkommen zwischen den USA und Dänemark von 1951 neu verhandelt werden, wobei die dänische Souveränität über Grönland unangetastet bleibe.

320°/dpa/re

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