Transformation

Bei Salzgitter Flachstahl entsteht derzeit eine Direktreduktionsanlage, die Wasserstoff statt Koks nutzt. Der Umbau sollte durch verschiedene Fördertöpfe abgesichert werden – doch die Kalkulation ging nicht auf. Nun mussten Bund und das Land Niedersachsen einspringen.

Grüner Stahl: Salzgitter erhält 322 Millionen Euro zusätzlich


Auf dem Gelände der Salzgitter Flachstahl GmbH lässt sich seit Ende 2023 beobachten, wie die erste Ausbaustufe des sogenannten Salcos-Programms (Salzgitter Low CO₂ Steelmaking) konkrete Form annimmt. Die neue Produktionsroute umfasst eine Direktreduktionsanlage, einen Elektrolichtbogenofen und einen 100-Megawatt-Elektrolyseur. Die Bauarbeiten verliefen nach Zeitplan – die Finanzierung jedoch nicht: Ursprünglich eingeplante Fördermittel aus anderen Programmen entfielen, sodass eine Lücke von mehreren hundert Millionen Euro entstand.

Bund und Land Niedersachsen haben diese Lücke nun mit zusätzlichen 322 Millionen Euro geschlossen. Die öffentliche Förderung steigt damit auf insgesamt 1,3 Milliarden Euro. Den größeren Anteil trägt der Bund mit 70 Prozent, Niedersachsen übernimmt die verbleibenden 30 Prozent.

Kalkulation ging nicht auf

Die Nachbesserung geht auf eine Fehlkalkulation in der ursprünglichen Finanzierungsarchitektur zurück. Als Bund und Land im Frühjahr 2023 den ersten Förderbescheid über rund eine Milliarde Euro im Rahmen des europäischen IPCEI-Programms (Important Projects of Common European Interest) übergaben, war die Gesamtfinanzierung auf mehrere Quellen verteilt. Die Annahme, dass zusätzliche Mittel aus weiteren Programmen fließen würden, bestätigte sich jedoch nicht. Ohne die Aufstockung hätte das Projekt bei bereits laufenden Bauarbeiten und vergebenen Aufträgen in eine finanzielle Schieflage geraten können.

„Damit wird unsere Wettbewerbsfähigkeit am Weltmarkt gestärkt und wir profitieren weiter von der industriellen Wertschöpfung“, sagte Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Umwelt- und Energieminister Christian Meyer (Grüne) sprach von einem guten und wichtigen Signal: „Klimaschonender grüner Stahl hat Zukunft mit der Salzgitter AG als Vorreiterin.“

Kern des Salcos-Programms ist ein Verfahrenswechsel. Statt Eisenerz im kohlebefeuerten Hochofen zu Roheisen zu reduzieren, setzt Salzgitter künftig auf die Direktreduktion. Dabei ersetzt Wasserstoff den Koks als Reduktionsmittel – statt CO2 entsteht Wasserdampf. Die neue Anlage wird zunächst mit Erdgas betrieben, ist aber so ausgelegt, dass sie schrittweise auf grünen Wasserstoff umgestellt werden kann. Die Inbetriebnahme ist für 2027 geplant.

Das Gesamtinvestitionsvolumen für diese erste von drei vorgesehenen Ausbaustufen liegt bei rund 2,5 Milliarden Euro. Neben der Direktreduktionsanlage und dem Elektrolichtbogenofen entsteht auf dem Werksgelände auch eine Elektrolyseanlage, die ab 2026 rund 9.000 Tonnen grünen Wasserstoff pro Jahr erzeugen soll. Diese erste Stufe soll die Produktion von bis zu 1,9 Millionen Tonnen CO2-armem Rohstahl pro Jahr ermöglichen und rund ein Drittel der Emissionen des Hüttenwerks einsparen.

Derzeit stößt das Salzgitter-Hüttenwerk rund acht Millionen Tonnen CO2 pro Jahr aus. Das entspricht etwa zehn Prozent der gesamten niedersächsischen und rund einem Prozent der deutschen CO2-Emissionen. Bis 2033 sollen in zwei weiteren Ausbaustufen die verbleibenden Hochöfen ersetzt werden. Nach Abschluss aller drei Ausbaustufen soll der CO₂-Ausstoß um bis zu 95 Prozent sinken.

Hohe Abhängigkeit von öffentlicher Kofinanzierung

Die Stahlindustrie verantwortet in Deutschland rund 30 Prozent der industriellen CO₂-Emissionen. Ihre Dekarbonisierung erfordert Investitionen in Milliardenhöhe, deren Amortisation sich über Jahrzehnte erstreckt. Solange grüner Wasserstoff und erneuerbare Energien im Vergleich zur konventionellen Koksroute deutlich teurer bleiben, sind solche Projekte auf erhebliche öffentliche Kofinanzierung angewiesen.

Dass die ursprüngliche Förderkalkulation für Salzgitter jedoch nicht aufging, wirft die Frage auf, wie belastbar die Finanzierungsarchitektur vergleichbarer Transformationsvorhaben in der Industrie tatsächlich ist – und wie häufig Bund und Länder in den kommenden Jahren nachbessern müssen, um laufende Projekte vor dem Stillstand zu bewahren.

320°/re

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