Strommarktreport 2026

Hohe Strompreise belasten die deutsche Industrie – und eine Trendwende ist nicht in Sicht. Das zeigt der neue Strommarktreport von McKinsey. Demnach werden die Strompreise in Deutschland auf absehbare Zeit hoch bleiben.

McKinsey erwartet dauerhaft hohe Strompreise


Sechs Wochen ist es her, dass sich die Bundesregierung und die EU-Kommission auf die Eckpunkte einer Kraftwerksstrategie verständigten. Zwölf Gigawatt neuer steuerbarer Kapazität sollen noch in diesem Jahr ausgeschrieben werden, die ersten Gaskraftwerke spätestens 2031 ans Netz gehen. Für Wirtschaftsministerin Katherina Reiche war die Einigung von Mitte Januar ein „entscheidender Schritt für die Versorgungssicherheit“.

Am strukturellen Problem hoher Strompreise ändert die Strategie allerdings wenig. Das zeigt der neue McKinsey-Strommarktreport 2026, der den deutschen Strommarkt bis 2035 modelliert. „Die Strompreise werden in Deutschland im internationalen Vergleich auf absehbare Zeit hoch bleiben“, erwarten die Unternehmensberater. In allen untersuchten Szenarien liegen die jährlichen Systemkosten bei rund 90 Milliarden Euro.

Politische Entlastungsmaßnahmen haben zwar die Belastung einzelner Verbrauchergruppen gesenkt – so gingen die Steuern und Abgaben für Gewerbe und Industrie seit 2020 um 73 Prozent zurück, Bundeszuschüsse zu den Netzentgelten stabilisieren die Preise kurzfristig. An der grundlegenden Kostenstruktur des Systems ändern diese Eingriffe jedoch wenig.

„Die Entlastungen wirken punktuell, nicht systemisch“, sagt Alexander Weiss, Leiter der Energieberatung von McKinsey in Deutschland. Die hohen Stromkosten seien das Ergebnis langfristiger Strukturentscheidungen. Für den Standort Deutschland wiegt das schwer, da wettbewerbsfähige Strompreise ein zentraler Standortfaktor sind – gerade mit Blick auf KI und neue industrielle Anwendungen.

Grafik: picture alliance/dpa-Infografik

Im internationalen Vergleich zählt Deutschland bereits zu den Ländern mit den höchsten Strompreisen. Laut einer Verivox-Analyse auf Basis von Daten des Energiedienstes Global Petrol Prices lag der durchschnittliche Haushaltsstrompreis im ersten Quartal 2025 bei 38 Cent pro Kilowattstunde – Platz fünf im weltweiten Ranking.

Auch die Industriestrompreise bewegen sich auf hohem Niveau. Laut der BDEW-Strompreisanalyse vom Juli 2025 zahlten kleine bis mittlere Industriebetriebe bei Neuabschlüssen durchschnittlich 18,0 Cent pro Kilowattstunde inklusive Stromsteuer. Bis Oktober 2025 sank dieser Wert leicht auf 17,8 Cent. Für mittelgroße Betriebe mit einem Jahresverbrauch von 20 bis 70 Millionen Kilowattstunden lag der Preis bei 15,8 Cent und für Großabnehmer mit einem Verbrauch von 70 bis 150 Millionen Kilowattstunden bei 14,5 Cent.

Parallel dazu wächst der Strombedarf durch Rechenzentren. McKinsey beziffert den weltweiten Verbrauch auf rund 600 Terawattstunden im Jahr 2025 und prognostiziert einen Anstieg auf etwa 1.600 Terawattstunden bis 2030. In Deutschland könnte die installierte Rechenzentrumsleistung bis dahin auf rund fünf Gigawatt steigen, verbunden mit einer zusätzlichen Nachfrage von etwa 37 Terawattstunden.

„Mit dem Hochlauf von künstlicher Intelligenz wird Strom zum strategischen Produktionsfaktor“, sagt Weiss. „Standorte mit hohen Preisen geraten unter Druck.“

Vier Hebel für ein wettbewerbsfähigeres System

Die McKinsey-Studie identifiziert vor diesem Hintergrund vier Handlungsfelder, um die Wettbewerbsfähigkeit des deutschen Stromsystems langfristig zu stärken.

Als ersten Hebel benennt die Analyse die Einrichtung einer Energiewirtschaftszone mit besonders günstigen Erzeugungsbedingungen – etwa in Norddeutschland. Dort ließen sich erneuerbare Energien in großem Umfang zu wettbewerbsfähigen Vollkosten nutzen, ohne das nationale Strommarktdesign grundsätzlich verändern zu müssen. Die räumliche Nähe von Erzeugung und Verbrauch würde zusätzliche Effizienzgewinne ermöglichen.

Zweitens sieht die Studie erhebliches Effizienzpotenzial im Netzbetrieb. In Deutschland agieren über 800 Verteilnetzbetreiber mit unterschiedlichen technischen Standards. Eine stärkere Standardisierung, gemeinsame Beschaffung und engere Kooperation könnten die Kosten laut McKinsey um zehn bis 15 Prozent senken und gleichzeitig die Resilienz der Netze erhöhen.

Ein drittes Handlungsfeld ist die Finanzierung. Energiewende-Assets sind bislang stark fragmentiert und für große Investoren schwer zugänglich. Die Folge sind hohe Finanzierungskosten, die letztlich von den Stromkunden getragen werden. Denkbar wäre nach Einschätzung der Berater, Investitionen stärker zu bündeln und strukturierte Vehikel zu schaffen, die Skaleneffekte ermöglichen.

Viertens plädiert McKinsey dafür, inländisches Kapital gezielter zu mobilisieren. In Deutschland liegen aktuell rund drei Billionen Euro auf Sicht- und Termineinlagen. Staatlich flankierte Investitionsmodelle könnten dazu beitragen, inländisches Kapital für langfristige Infrastrukturinvestitionen zu aktivieren und die Finanzierungskosten des Gesamtsystems strukturell zu senken.

„Die Energiewende entscheidet sich nicht primär an der Frage, ob gefördert wird“, sagt Weiss. „Sie entscheidet sich daran, ob das System investierbar, effizient und wettbewerbsfähig organisiert ist.“

320°/re

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