Glas aus Hybridschmelze

In herkömmlichen Glasschmelzwannen stammen 90 Prozent der Schmelzenergie aus Erdgas – eine Hybridschmelzwanne in Obernkirchen kehrt dieses Verhältnis nahezu um. Jetzt lässt auch Jägermeister dort produzieren.

Jägermeister setzt auf CO2-arme Glasflaschen


Im Oktober 2023 liefen in Obernkirchen die ersten bernsteinfarbenen Glasflaschen aus einer neuartigen Hybridschmelzwanne – zunächst noch überwiegend gasbetrieben, inzwischen mit einem Stromanteil von rund 60 Prozent aus erneuerbaren Quellen. Seitdem produziert die „NextGen Furnace“ von Ardagh Glass Packaging dort täglich bis zu 350 Tonnen Behälterglas. Seit März fertigt die Anlage auch grünes Behälterglas für Jägermeister. Geplant sind 14 Millionen grüne 0,7-Liter-Flaschen. Jägermeister bezeichnet sich als ersten Spirituosenhersteller, der seine grünen Glasflaschen in CO2-reduzierter Serienproduktion herstellen lässt.

Erste Auswertungen zeigen, dass sich die CO2-Emissionen im Herstellungsprozess pro Flasche im Vergleich zur konventionellen Glasherstellung um 60 Prozent reduzieren lassen. „Mit dem Übergang in den dauerhaften kommerziellen Serienbetrieb wird aus einer technologischen Innovation ein verlässlicher Bestandteil unserer Lieferkette – und somit ein wichtiger Hebel für die Erreichung unserer Nachhaltigkeitsziele“, sagt Carsten Doliwa, Vice President Procurement bei Mast-Jägermeister SE.

42 Bodenelektroden statt Erdgasflammen

Für Jägermeister hat die Umstellung strategisches Gewicht, denn rund 30 Prozent der unternehmensweiten Emissionen entstehen bei der Flaschenherstellung. Insgesamt entfallen mehr als 90 Prozent der Treibhausgasemissionen auf die Lieferkette. Bis 2030 will das Unternehmen die Emissionen aus Primärverpackungen um 50 Prozent senken.

In herkömmlichen Glasschmelzwannen stammen etwa 90 Prozent der Schmelzenergie aus Erdgas, lediglich zehn Prozent aus Strom. Bei dem NextGen Furnace von Ardagh Glass Packaging Europe soll sich das Energieverhältnis nahezu umkehren. Laut Unternehmensangaben arbeitet die Hybridschmelzwanne mit 42 Bodenelektroden, rund 60 Prozent der eingesetzten Energie stammen aus Strom aus erneuerbaren Quellen. Die verbleibenden 40 Prozent liefert weiterhin Erdgas. Ziel ist ein Verhältnis von 80 Prozent Strom zu 20 Prozent Gas.

Die NextGen Furnace Technologie zeige, „dass elektrisch unterstütztes Schmelzen die Qualitätsanforderungen einer industriellen Glasproduktion im großen Maßstab erfüllt“, sagt Joris Goossens, R&D Project Manager bei Ardagh Glass Packaging Europe.

Ardagh Glass Packaging plant, die Hybridtechnologie ab 2027 bei Ofenerneuerungen auch an anderen Standorten einzusetzen. Langfristig soll der verbleibende Gasanteil durch grünen Wasserstoff ersetzt werden, um die Emissionen weiter zu senken. Der Bundesverband Glasindustrie (BV Glas) stuft hybride Schmelztechnologien als den derzeit aussichtsreichsten Transformationspfad für die Branche bis 2045 ein.

320°/re

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