Offener Brief

Sechs Unterzeichner aus Industrie, Handel und Recyclingwirtschaft haben sich in einem offen Brief an die Bundesregierung gewandt. Ihre Botschaft: Ohne politische Unterstützung droht das Kunststoffrecycling zu kollabieren. Sie verlangen Gegenmaßnahmen.

Kunststoffrecycling in der Krise: Appell an Bundesregierung


Das Deutsche Verpackungsinstitut (dvi) fordert gemeinsam mit Unternehmen aus Industrie, Marken, Handel und Recyclingwirtschaft ein Maßnahmenpaket zur Stützung des europäischen Kunststoffrecyclings. In einem offenen Brief an Bundeskanzler Merz, Wirtschaftsministerin Reiche und Umweltminister Schneider beschreiben die Unterzeichner die Lage der nationalen und europäischen Kunststoffrecycler als „höchst kritisch“. Neben dem dvi haben Constantia Flexibles, Dirk Rossmann, Werner & Mertz, Remondis Recycling und Der Grüne Punkt den Brief unterzeichnet.

„Das Fortbestehen einer kompletten Schlüsselbranche ist akut gefährdet. Bis Ende 2025 sind fast eine Million Tonnen Kunststoffrecyclingkapazität durch Werksschließungen und/oder Insolvenzen verloren gegangen. Die Zahl der Schließungen hat sich 2024 gegenüber 2023 verdoppelt. Für 2025 wird eine Verdreifachung gegenüber 2023 erwartet“, heißt es in dem Schreiben.

Die Unterzeichner führen die Krise auf niedrige Rohölpreise und globale Überkapazitäten zurück, die den Preis für fossilbasierte Neuware deutlich gedrückt haben. Verschärft werde die Lage durch wachsende Importe preisgünstiger Rezyklate aus Drittstaaten, die europäische Qualitätsstandards nach Einschätzung der Unterzeichner teilweise nicht erfüllen. Gleichzeitig fehlten verbindliche regulatorische Vorgaben – etwa zur Einordnung des chemischen Recyclings und zum Eignungsnachweis von Rezyklaten. Auch die im Verpackungsgesetz (§ 21 VerpG) vorgesehenen Anreize zur Erfüllung der Recyclingquoten greifen aus Sicht der Unterzeichner bislang nicht ausreichend.

Die Folgen beschreiben die Unterzeichner in deutlichen Worten: „Die unfaire Angebotssituation führt dazu, dass Anlagen stillgelegt, Investitionen verschoben und Innovationen ausgebremst werden. Technologische Kompetenz, industrielle Infrastruktur, der Zugriff auf Wertstoffe, qualifizierte Arbeitsplätze und wichtige Wertschöpfung gehen unwiederbringlich verloren. Die erfolgreiche Umsetzung der europäischen Kreislaufwirtschaft wird so unmöglich.“

Im Kern zielt das geforderte Maßnahmenpaket auf vier Hebel. Steuerliche Anreize sollen die Nachfrage nach Rezyklaten stärken – etwa über reduzierte Mehrwertsteuersätze auf recycelte Kunststoffe. Die öffentliche Beschaffung soll Recyclingmaterialien bevorzugen. Für importierte Sekundärrohstoffe fordern die Unterzeichner dieselben Umwelt- und Qualitätsstandards wie für europäische Rezyklate, einschließlich klarer Nachweispflichten. Und Recyclingbetriebe sollen Zugang zum Industriestrompreis erhalten, um den Kostennachteil gegenüber der Primärproduktion zu verringern.

„Auch wenn der Krieg gegen den Iran und dessen Folgen für die globale Wirtschaft aktuell einen gegenläufigen Einfluss auf die Rohölpreise haben, ändert das nichts an der langfristigen Situation. Die Verwerfungen in der globalen Wirtschaft zeigen im Gegenteil nur noch deutlicher, wie notwendig ein funktionierendes und wettbewerbsfähiges Kunststoffrecycling in und für Deutschland und Europa ist“, so dvi-Geschäftsführerin Natalie Brandenburg.

320°/re

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