Konjunktur
Noch vor einem halben Jahr gingen die Wirtschaftsinstitute von 1,3 Prozent Wachstum aus. Nun haben sie ihre Wachstumsprognose halbiert. Grund ist der „Energiepreisschock“.
Wirtschaftsinstitute rechnen nur noch mit 0,6 Prozent Wachstum
Noch vor einem halben Jahr rechneten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute mit einer spürbaren Erholung der deutschen Wirtschaft. Davon ist wenig geblieben. Die Gemeinschaftsdiagnose Frühjahr 2026, die am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde, korrigiert die Wachstumserwartung für das laufende Jahr von 1,3 auf 0,6 Prozent. Der Grund liegt im Nahen Osten.
Seit Ende Februar führen die USA und Israel einen Krieg gegen den Iran. Die Folgen für die globalen Energiemärkte sind erheblich. Der Iran blockiert seitdem die Straße von Hormus, eine Meerenge zwischen dem Persischen Golf und dem Golf von Oman. In Friedenszeiten wird dort rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssigerdgashandels abgewickelt. Der Schiffsverkehr in der Region ist praktisch zum Erliegen gekommen.
Die Preise reagierten unmittelbar. Der Rohölpreis der Nordseesorte Brent stieg seit Kriegsbeginn zeitweise um fast 70 Prozent auf knapp 120 US-Dollar pro Barrel und lag Ende März bei rund 107 US-Dollar – vor dem Konflikt notierte er bei etwa 72 US-Dollar.Ob und wann eine Durchfahrt der Meerenge wieder möglich sein wird, bleibt ungewiss. Die USA sehen die Öffnung der Straße von Hormus nicht als ihre Aufgabe. Die USA hätten mit dem Problem „nichts zu tun“, sagte US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus.
Inflation zieht spürbar an
Der Energiepreisschock schlägt auf die Verbraucherpreise durch. Die Institute erwarten für 2026 eine durchschnittliche Inflationsrate von 2,8 Prozent, für 2027 von 2,9 Prozent. Im Herbst 2025 hatten sie noch mit 2,0 Prozent für das laufende und 2,3 Prozent für das kommende Jahr gerechnet. Die Realität hat diese Prognosen überholt: Im März lag die Inflationsrate nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamts bereits bei 2,7 Prozent, nach 1,9 Prozent im Februar. Den stärksten Preisanstieg verzeichnete der Bereich Energie.
Der Anstieg der Gaspreise wirkt sich dabei nicht nur unmittelbar auf die Heizkosten aus. Erdgas ist ein zentraler Rohstoff für die Düngemittelproduktion, was die Nahrungsmittelpreise belastet. Hinzu kommen steigende Produktions- und Transportkosten, die auf die Preise für Waren durchschlagen. Die gestiegene Inflation dämpft den privaten Konsum.
Die Europäische Zentralbank (EZB), die die Inflationsrate vor Kriegsbeginn bereits wieder in die Nähe ihres Zielwerts von zwei Prozent gebracht hatte, steht damit erneut vor einer schwierigen Abwägung zwischen Preisstabilität und konjunktureller Stützung. Eine für März erwartete Zinssenkung wurde vor diesem Hintergrund verschoben.
Arbeitsmarkt ohne Schwung
Auch auf dem Arbeitsmarkt hinterlässt die schwache Konjunktur Spuren. Im März sank die Zahl der Arbeitslosen zwar um 49.000 auf 3,021 Millionen, blieb damit aber über der Drei-Millionen-Marke. Die Arbeitslosenquote lag bei 6,4 Prozent. „Im März beginnt wie üblich die Frühjahrsbelebung am Arbeitsmarkt – dieses Jahr allerdings ohne nennenswerten Schwung“, sagte die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit (BA), Andrea Nahles.
Die Gemeinschaftsdiagnose erwartet für das laufende Jahr eine Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent, nach 6,3 Prozent im Vorjahr. Die schwache Konjunktur und der sich verschärfende Strukturwandel verzögern die Aufhellung am Arbeitsmarkt. „Erst im kommenden Jahr dürfte es zu einer zaghaften Erholung der Beschäftigung kommen, wenn bei besserer Konjunktur die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen steigt“, heißt es in der Prognose.
Für 2027 prognostizieren die Institute ein Wachstum von 0,9 Prozent. Dieser Wert liegt ebenfalls deutlich unter der bisherigen Schätzung von 1,4 Prozent.



