Offener Brief

Kurz vor Veröffentlichung des NKWS-Aktionsprogramms meldet sich die Kunststoffbranche geschlossen zu Wort. Chemie, Kunststoffverarbeiter und Recycler fordern in einem offenen Brief einen „Transformationsbooster – und sprechen von einer industriellen Überlebensfrage.

Kreislaufwirtschaft: Branchenbündnis macht Druck auf Berlin


Zwei Wochen bevor die Bundesregierung ihr Aktionsprogramm zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie vorlegen will, kommt aus der Industrie ein gemeinsamer Appell: Chemieindustrie, Kunststoffverarbeiter und Recycler fordern in einem offenen Brief einen „Transformationsbooster“ für die Kreislaufwirtschaft. Es ist bereits der zweite branchenübergreifende Vorstoß binnen weniger Wochen – Ende März hatten das Deutsche Verpackungsinstitut und fünf Unternehmen, darunter Remondis Recycling und Der Grüne Punkt, in einem offenen Brief an Kanzler Merz, Wirtschaftsministerin Reiche und Umweltminister Schneider vor einem Kollaps des europäischen Kunststoffrecyclings gewarnt.

Das für den 6. Mai 2026 angekündigte Aktionsprogramm gilt in der Branche als Gradmesser dafür, wie ernst es die Regierung mit der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) meint. Verabschiedet wurde die Strategie im Dezember 2024 vom Kabinett. Sie sieht vor, den Primärrohstoffverbrauch pro Kopf bis 2045 deutlich zu senken und den Einsatz von Sekundärrohstoffen bis 2030 zu verdoppeln.

Einbruch um mehr als 20 Prozent

Der Appell trifft eine Branche in der Krise. Absatz und Auftragseingang in der deutschen Kunststoff- und Recyclingindustrie sind seit 2021 um mehr als 20 Prozent eingebrochen, so der Entsorgerverband BDE. Anlagen stehen still, Investitionen wandern ins Ausland, Produktionen werden gedrosselt.

Besonders sichtbar ist die Lage im Kunststoffrecycling. Seit 2023 hat die europäische Branche rund eine Million Tonnen Kapazität verloren – bei einer installierten Inputkapazität von etwa 13 Millionen Tonnen.Für 2026 halten die Marktanalysten Recycario und Prognostica einen weiteren Wegfall von 300.000 Tonnen für möglich. Auch die Verpackungsindustrie blickt skeptisch in das Jahr: 70 Prozent der von der IK Industrievereinigung Kunststoffverpackungen Anfang Januar befragten 109 Unternehmen bewerteten die allgemeine Wirtschaftslage als schlecht, 41 Prozent erwarteten für das erste Quartal 2026 eine Verschlechterung ihrer Ertragslage.

Entsprechend deutlich fällt der Ton im Brief aus. Die Verbände sprechen von einer „industriellen Überlebensfrage“. Die deutsche Kunststoff- und Recyclingindustrie befinde sich an einem Scheideweg, heißt es in dem Schreiben. „Ohne entschlossene politische Signale steht eine Erosion industrieller Wertschöpfung und Arbeitsplätze bevor.“ Jetzt sei der Moment, „kraftvolle Impulse zu setzen, um Investitionen in die klimaneutrale Kreislaufwirtschaft auszulösen und den Transformationsprozess damit zu beschleunigen“.

Im Kern geht es um zwei finanzielle Hebel. Der erste: das im März 2025 vom Bundestag beschlossene Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität mit einem Volumen von 500 Milliarden Euro über zwölf Jahre. Teile davon sollen nach dem Willen der Verbände gezielt in Kreislaufwirtschafts- und Forschungsinfrastruktur fließen. Anders, so die Argumentation, lasse sich die Skalierung neuer Technologien nicht finanzieren – und ohne diese Skalierung funktioniere auch der „zirkuläre Business Case“ nicht.

Wie diese Mittel verteilt werden, ist haushaltspolitisch noch offen. Der im Oktober 2025 vorgestellte Entwurf des NKWS-Aktionsprogramms steht ausdrücklich unter Finanzierungsvorbehalt. Unabhängig davon hat der Bund für die Umsetzung der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie im Haushalt 2026 einen eigenen Titel im Klima- und Transformationsfonds eingerichtet – jenem Fonds, der bis 2034 jährlich zehn Milliarden Euro aus dem Sondervermögen erhält, also insgesamt 100 Milliarden Euro. Der NKWS-Titel soll von 40 Millionen Euro 2026 über 60 Millionen Euro 2027 auf je 80 Millionen Euro in den Jahren 2028 und 2029 wachsen – in Summe rund 260 Millionen Euro über vier Jahre.

Der zweite Hebel ist der Industriestrompreis. Die Verbände fordern, ihn auch auf Recycler auszuweiten. Das Instrument zielt auf rund fünf Cent pro Kilowattstunde für energieintensive Branchen und gilt rückwirkend ab 2026; Anträge sind ab 2027 möglich. Begünstigt sind zunächst 91 Teilsektoren, darunter Chemie, Stahl und Papier – die Recyclingwirtschaft fehlt. Ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC im Auftrag des BDE kommt zu dem Ergebnis, dass der Teilsektor „Rückgewinnung“ die Schwellenwerte des europäischen Beihilferahmens deutlich überschreitet. Technisch wäre also eine Aufnahme möglich. Politisch ist sie bislang nicht erfolgt.

Fünf Forderungen im Detail

Die fünf Maßnahmen, die der Brief auflistet, lesen sich wie ein Pflichtenheft an das Aktionsprogramm. An erster Stelle stehen verbindliche Rezyklateinsatzquoten, finanzielle Anreize für kreislauffähige Verpackungen über §26 des Verpackungsrecht-Durchführungsgesetzes (VerpackDG) sowie ein rechtssicheres Level-Playing-Field für mechanisch und chemisch recycelte Rohstoffe. Hinzu kommen Investitionen in moderne, KI-basierte Sammel-, Sortier- und Recyclingtechnologien – ausdrücklich für mechanische wie chemische Verfahren.

Flankierend fordern die Verbände erweiterte Abschreibungsmodelle für Investitionen und eine Weiterführung der CO2-Differenzverträge über das zweite Gebotsverfahren hinaus, um Zukunftstechnologien abzusichern. Punkt fünf zielt auf die Umsetzung der NKWS selbst: die zügige Einrichtung der dort angekündigten Plattform zur Vernetzung von Industrie, Wissenschaft und Verwaltung.

320°/sr

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