Mischtextilien
Weltweit werden weniger als ein Prozent aller Textilien zu neuen Produkten recycelt. Re-Fresh Global will daran etwas ändern – mit Enzymen und modularen Mikrofabriken. Eine neue Geschäftsführerin soll das Verfahren aus dem Pilotstatus holen.
Textilrecycling: Re-Fresh bekommt neue Geschäftsführerin
Eine Jeans, 98 Prozent Baumwolle, 2 Prozent Elasthan: Für europäische Recyclinganlagen ist das in der Regel das Aus fürs hochwertige Faser-zu-Faser-Recycling. Schon geringe Anteile Stretchfaser stören die Verfahren. Was bleibt, ist die Verbrennung. Oder ein zweites Leben als Putzlappen, Industrievlies, Dämmstoff.
Re-Fresh Global will das ändern. Das Berliner Biotech-Unternehmen will Mischtextilien mit einem enzymatischen Verfahren aufbrechen und in zellulosebasierte Rohstoffe verwandeln – für Kosmetik, Verpackung, Automobilindustrie, Akustik. Den Sprung vom Pilotbetrieb in die industrielle Anwendung soll künftig Urte Zahn als neue Geschäftsführerin managen. Mitgründerin Revital Nadiv bleibt als Chief Product & Technology Officer für Forschung und Entwicklung zuständig.
Zahn hat bereits ein Unternehmen aufgebaut. Laut Re-Fresh bringt sie mehr als zwanzig Jahre Erfahrung mit. Bei smartB Energy Management, das sie mitgegründet hat, warb sie sieben Millionen Euro Venture Capital ein, baute ein Team von über zwanzig Mitarbeitenden auf und steigerte den Umsatz auf eine Million Euro. Davor verantwortete sie bei IBM und Bosch Transformationsprojekte in Europa und darüber hinaus.
Der Markt, den Re-Fresh adressiert, ist groß – und bislang weitgehend ungelöst. In den 27 EU-Mitgliedstaaten fielen 2022 nach Daten der Europäischen Umweltagentur knapp sieben Millionen Tonnen Textilabfälle an. Weltweit verursacht die Textilindustrie nach Angaben von Re-Fresh Global jährlich 92 Millionen Tonnen Abfall. Der Großteil davon ist wegen komplexer Materialmischungen wie Poly-Baumwolle und Poly-Viskose nicht recycelbar – jedenfalls nicht zu hochwertigen Produkten.
Zwei Produktlinien aus einem Abfallstrom
Re-Fresh setzt mit seinem Verfahren auf Biochemie. Auf eine mechanische Zerkleinerung folgt die enzymatische Hydrolyse: Spezifische Enzyme spalten die Zellulose-Anteile aus dem Mischgewebe ab und wandeln sie in mikrofibrillierte Zellulose um. Die Synthetikfasern sollen dabei in ihrer ursprünglichen Form erhalten bleiben. Heraus kommen zwei Produktlinien: Re-SanPulp, eine Faserrezeptur für Vliesstoffe und textile Anwendungen, und Re-Cellulose beziehungsweise Re-Celloop, eine Zellulose für Kosmetik, Verpackungen und Verbundwerkstoffe.
Die Rechnung, die Zahn aufmacht, ist selbstbewusst: „Re-Fresh Global löst eine Jahrzehnte alte Herausforderung in der Textilindustrie. Unsere Technologie kann bis zu 80 Prozent der Textilabfälle in wertvolle Materialien wie Re-SanPulp und Re-Celloop umwandeln, was im Vergleich zu Primärrohstoffen eine Kostenreduktion von bis zu 50 Prozent ermöglicht.“ Bei den CO2-Emissionen nennt das Unternehmen eine Einsparung von bis zu 85 Prozent gegenüber Neuware.
Sieben Pilotprojekte, eine halbe Million Umsatz
Neben dem Kostenargument setzt Re-Fresh auf einen zweiten Hebel: das lizenzierbare SmartUp-System. Es erlaubt den dezentralen Betrieb modularer Mikrofabriken und verlagert die Verarbeitung näher an den Entstehungsort der Abfälle. Damit zielt das Konzept auf ein bekanntes Wirtschaftlichkeitsproblem: Lange Transportwege treiben die Logistikkosten und schmälern die Marge bei einem Material, das ohnehin niedrige Verkaufspreise erzielt.
In Zahlen sieht die bisherige Bilanz so aus: Sieben bezahlte Pilotprojekte hat Re-Fresh nach eigenen Angaben abgeschlossen, darunter Kooperationen mit der Volkswagen Gruppe und Konnect, dem Innovation Hub des Volkswagen-Konzerns in Tel Aviv, dazu mit weiteren europäischen OEMs. Eingespielt hat das 500.000 Euro Umsatz. Drei Patente sind angemeldet, vier Absichtserklärungen unterzeichnet – sie repräsentieren nach Unternehmensangaben ein potenzielles jährliches wiederkehrendes Umsatzvolumen von rund 1,5 Millionen Euro.
Aktuell sammelt Re-Fresh Global fünf Millionen Euro Seed-Kapital ein. Beteiligt sind IndieBio, SOSV, Wermuth Asset Management und Serpentine Ventures. Das Geld soll vor allem den Bau einer Demo-Fabrik in Thüringen finanzieren – die nächste industrielle Phase des Unternehmens. Parallel sollen Technologieentwicklung, weitere Pilotprojekte und die Kommerzialisierung laufen.



