Kunststoffsortierung
EEW probiert in den Niederlanden, was in Deutschland bislang Theorie ist. Vor der thermischen Verwertung läuft der Restabfall durch eine Vorsortierung. Vor allem Kunststoffe will EEW herausziehen. Der Aufwand könnte sich rechnen.
EEW sortiert in Delfzijl, was sonst im Ofen landet
Kurz nach Ostern lief in Delfzijl eine Sortieranlage an, die in der EEW-Gruppe so noch nirgends steht. Auf dem Werksgelände am Oosterhorn, wo seit Jahren drei Linien Restabfall thermisch verwerten, schickt der Betreiber den Müll seit dieser Woche zunächst durch eine Vorsortierung, bevor er im Ofen landet. Damit verlässt die Anlage die Bauphase und geht in den Pilotbetrieb. Ob sich der Aufwand lohnt, zeigt sich an zwei Stellen: an der CO2-Bilanz und an den Betriebskosten.
Bislang gilt für die meisten Müllverbrennungsanlagen in Europa: Was angeliefert wird, geht weitgehend so in den Ofen, wie es kommt. In Delfzijl hingegen sollen zuvor vor allem Kunststoffe herausgezogen und in mechanische oder chemische Recyclingrouten geschleust werden. Die Anlage kann nach EEW-Angaben bis zu 150.000 Tonnen pro Jahr sortieren. Daraus sollen sich bis zu 15.000 Tonnen Kunststoffe für das mechanische und chemische Recycling gewinnen lassen.
Der Hebel liegt im Kunststoff
Die Konzentration auf Kunststoffe folgt einer einfachen Rechnung. Nach Angaben von EEW liegt der fossile Anteil im Abfall bei etwa 40 bis 50 Prozent, der biogene bei über 50 Prozent. Den fossilen Anteil prägen vor allem Kunststoffe: Sie verursachen rund 80 bis 90 Prozent der fossilen CO2-Emissionen aus EEW-Anlagen. Wer also Kunststoff aus dem Input zieht, senkt nicht nur den fossilen Anteil pro Tonne Abfall – er schlägt direkt auf die Klimabilanz der Anlage durch.
Hinzu kommt ein ökonomischer Hebel: Seit dem 1. Januar 2024 fällt die Abfallverbrennung in Deutschland unter den nationalen Brennstoffemissionshandel. Betreiber müssen Zertifikate für den fossilen Anteil ihrer Emissionen erwerben – seit Anfang 2026 zu einem Auktionspreis innerhalb eines gesetzlich vorgegebenen Korridors von 55 bis 65 Euro pro Tonne CO2. Je höher der Kunststoffanteil im Input, desto höher die Belastung. Für die EEW-Gruppe, die 16 ihrer 17 Standorte in Deutschland betreibt, wird Vorsortierung damit nicht nur zum Klimathema, sondern zum Bilanzposten.
Technisch funktioniert die Sortierung in zwei Schritten: erst mechanisch, dann sensorgestützt. Im Mittelpunkt steht die Nahinfrarot-Spektroskopie, kurz NIR. Sie identifiziert Kunststoffe anhand ihres charakteristischen Absorptionsspektrums. Schnellschaltende Druckluftdüsen blasen die erkannten Fraktionen anschließend aus dem Stoffstrom.
Eine bekannte Schwäche des Verfahrens: Schwarze, mit Ruß pigmentierte Kunststoffe absorbieren die NIR-Strahlung weitgehend und bleiben für die Sensorik unsichtbar – ein typischer Verlustpfad in jeder NIR-Sortierung.
Standortvorteil Niederlande
Dass die Anlage in Delfzijl steht und nicht in Deutschland, hat vor allem zwei Gründe. „An unserem niederländischen Standort Delfzijl finden wir häufig bessere Rahmenbedingungen als in Deutschland vor“, hatte EEW-COO Joachim Manns 2024 erklärt – und damit auf schnellere Genehmigungswege und ein stabileres regulatorisches Umfeld verwiesen.
Zum anderen deckt der Standort die gesamte Kette von der Vorbehandlung bis zum Schornstein ab. Zum Anlagenverbund zählen inzwischen drei Verbrennungslinien mit einer Gesamtkapazität von bis zu 576.000 Tonnen Abfall pro Jahr. Im August 2025 kam als vierte Linie eine Klärschlamm-Monoverbrennungsanlage mit einer Kapazität von bis zu 180.000 Tonnen pro Jahr hinzu. Außerdem sind Pilotprojekte zu CO2-Abscheidung und NOx-Recycling geplant. Wenn der Aufwand sich irgendwo beweisen lässt, dann in Delfzijl — dort hat EEW alle Stellschrauben in einer Hand.

