Demonstrationsanlage
Einwegprodukte, Papierbeschichtungen, Klebstoffe: Dort, wo Recycling an Grenzen stößt, will Traceless ansetzen. Das Hamburger Start-up macht aus Getreideresten ein Granulat, das Kunststoff ersetzen soll. Mit prominenten Abnehmern.
Traceless eröffnet weltweit erste Anlage für Plastikersatz
Wo bis vor wenigen Jahren morgens um vier die Brötchen aus dem Ofen kamen, läuft jetzt eine Extraktionsanlage. Am Großmoorbogen in Hamburg-Harburg, in den Hallen der traditionsreichen Großbäckerei Wedemann, hat das Hamburger Start-up Traceless Materials die erste Demonstrationsanlage für einen pflanzenbasierten Plastikersatz eröffnet. Auf rund 4.000 Quadratmetern entsteht ein Granulat aus Naturpolymeren, das nach Angaben des Unternehmens herkömmliche Kunststoffe ersetzen kann – ohne sie nachzuahmen.
Die Anlage ist nach Darstellung des Unternehmens die weltweit erste ihrer Art. Sie verarbeitet Nebenprodukte der Getreideverarbeitung zu thermoplastischen Naturpolymeren – einem Granulat, das sich auf vorhandenen Maschinen der Kunststoffindustrie weiterverarbeiten lässt. Verpackungshersteller müssen also keinen neuen Maschinenpark anschaffen, um es einzusetzen.
Rund 3.000 Tonnen Granulat soll die Anlage jährlich produzieren, die Fertigung wird in den kommenden Monaten hochgefahren. Zu den ersten Abnehmern zählen der Onlinehändler Otto und der Verpackungshersteller Mondi, der das Material zur Beschichtung von Papier einsetzt. Im Vergleich zu konventionellem Kunststoff fallen nach Unternehmensangaben über den gesamten Lebenszyklus 91 Prozent weniger CO2-Emissionen an.
Das Investitionsvolumen liegt bei mehr als 20 Millionen Euro. Davon kommen rund 5 Millionen Euro als Zuschuss aus dem Umweltinnovationsprogramm des Bundes. Eine deutlich größere Industrieanlage ist bereits in Planung; sie soll bis Ende des Jahrzehnts in Betrieb gehen und die heutige Jahresleistung um ein Vielfaches übersteigen.
Naturpolymere ohne chemische Umwege
Was Traceless herstellt, ist nach eigener Definition kein Plastik. Naturpolymere – Cellulose, Lignin, Stärke oder Proteine – sind langkettige Moleküle, die in Pflanzen natürlich vorkommen und seit Langem die Grundlage für Papier oder Baumwolle bilden. Das patentierte Verfahren des Unternehmens extrahiert sie aus den pflanzlichen Reststoffen, ohne ihre chemische Struktur zu verändern. Heraus kommt ein Granulat, das biobasiert, heimkompostierbar und biologisch abbaubar ist.
Geschäftsführerin und Gründerin Anne Lamp spricht von den weltweit ersten industriellen Produktionskapazitäten für thermoplastische Naturpolymere, die direkt als Plastikersatz dienen sollen. Die Anwendungen, die das Unternehmen im Blick hat, sind genau jene, bei denen das Recycling heute scheitert: Einwegprodukte, dünnschichtige Papierbeschichtungen, Klebstoffe.
Traceless wurde 2020 von Anne Lamp und Johanna Baare in Hamburg gegründet und beschäftigt heute mehr als 100 Mitarbeitende. Seit 2022 betrieb das Unternehmen eine Pilotanlage im niedersächsischen Buchholz in der Nordheide, die nun an den neuen Standort verlagert werden soll. Die Harburger Anlage ist damit das, was in der Branche „First of a Kind“ heißt – die erstmalige industrielle Umsetzung einer Technologie, die bisher nur im kleineren Maßstab erprobt war. An solchen Erstanlagen entscheidet sich, ob ein Materialverfahren wirtschaftlich tragfähig wird.
