Industrieller Maßstab

Die Einwegwindel gilt als Sinnbild der Wegwerfwirtschaft. Jetzt verwandeln drei Unternehmen gebrauchte Höschen in Pyrolyseöl – und damit in einen Rohstoff für neue Windeln. Was im Labor begann, läuft jetzt im industriellen Maßstab.

Chemisches Recycling: Wie aus Windeln neuer Rohstoff wird


Jeden Tag füllen sich in Belgien die Sammelbehälter mit den Windeln von mehr als 30.000 Kleinkindern. Früher hätte sich daran eine kurze Reise angeschlossen: ab in die Verbrennung oder auf die Deponie. Inzwischen nehmen die Windeln einen anderen Weg – sie gehen zurück in die Produktion.

Was nach einer logistischen Fußnote klingt, ist die Grundlage für ein chemisches Recyclingverfahren im industriellen Maßstab. Nach Angaben der beteiligten Unternehmen handelt es sich um das erste seiner Art in Europa.

Bislang folgt die Einwegwindel dem Muster der linearen Wirtschaft: einmal benutzt, wandert sie in den Ofen oder auf die Deponie. Mit ihr verschwinden die Vliesstoffe und Folien, aus denen sie zu großen Teilen besteht – Materialien auf Basis von Polyolefinen, jener Kunststoffgruppe, zu der auch Polyethylen und Polypropylen zählen. Die Mengen sind erheblich. Alba Cabrera und Rosa García von der spanischen Umweltorganisation Rezero schätzten auf Basis von Verbrauchsdaten, dass in der EU-28 im Jahr 2017 rund 6,7 Millionen Tonnen Einwegwindeln als Abfall anfielen. Ein Stoffstrom, der bislang fast vollständig ungenutzt blieb.

Das wollen drei Unternehmen ändern. Am Anfang der Kette steht Woosh, eine belgische Marke für Kreislaufwindeln; das Unternehmen betreibt das Sammelsystem. Borouge International, ein Hersteller von Polyolefinen, steuert das Materialwissen bei. Am Ende der Kette steht BlueAlp: Im belgischen Oostende betreibt das Unternehmen eine kommerzielle Anlage für chemisches Recycling, in der aus altem Kunststoff neuer Rohstoff entsteht.

Der Weg zum Pyrolyseöl

Damit der Kreislauf funktioniert, braucht es allerdings eine besondere Windel. Die „Woosh Give-Back“ ist schon im Design auf die spätere Wiederverwertung ausgelegt. Woosh liefert sie an Kindertagesstätten und Haushalte und sammelt sie nach Gebrauch wieder ein. So entsteht ein sortenreiner, rückverfolgbarer Strom gebrauchter Windeln – die Voraussetzung dafür, dass am Ende der Kette überhaupt verwertbares Material ankommt.

Die ersten Recyclingläufe im industriellen Maßstab fanden im BlueAlp-Werk in Oostende statt. Dort durchliefen die zurückgewonnenen Kunststofffraktionen die Pyrolyse, die die Polymere unter Hitze und Sauerstoffausschluss in ihre molekularen Bausteine zerlegt. Heraus kommt ein ISCC-PLUS-zertifizierter flüssiger Kohlenwasserstoff: das sogenannte Pyrolyseöl. Das Öl erfüllt den Angaben zufolge die Spezifikationen für die Weiterverarbeitung zu neuen Polymeren, darunter auch solche, aus denen sich wieder Windeln herstellen lassen.

Inzwischen baut Woosh sein Modell aus. Das Unternehmen sammelt und liefert bereits in Belgien, das Rückgabesystem läuft im Alltag von mehreren Zehntausend Kindern. Die 2025 in Betrieb genommene mechanische Trennanlage verarbeitet nach Unternehmensangaben jährlich Tausende Tonnen gebrauchter Windeln. Dabei kommt ein wasserloses mechanisches Separationsverfahren zum Einsatz, das die gebrauchten Windeln in Fraktionen zerlegt. Danach erfolgt das chemische Recycling bei BlueAlp. Als Nächstes soll das Modell in Frankreich und den Niederlanden ausgerollt werden.

320°/re

Mehr zum Thema
Capri-Sun-Chef Wild: „Papierhalme machen keinen Sinn
Pyrolyseöl: Wie Evonik es sauber bekommt
Interzero recycelt PP für den Lebensmittelkontakt
Kunststoffrecycler: Krise mit Rückenwind
Geopolymer-Mauerstein: Eine Zementalternative aus Abfall
T&E: Biosprit gegen Ölkrise ist eine Sackgasse
Stimmen zum Aktionsprogramm NKWS
Interzero-Marke Lizenzero bündelt 31 Verpackungsmärkte
Aktionsprogramm Kreislaufwirtschaft: Der Entwurf liegt vor
Vertrag widerrufen