Fast Fashion

In einer Kinderjacke steckt eine PFAS-Verbindung, die den Grenzwert um das 1.100-Fache reißt. Es ist nur einer von sieben Treffern, die das Labor bei Shein fand. Welche Substanzen die Spitzenwerte liefern – und warum die Befunde jetzt nach Brüssel gehen.

Labortest: Shein-Kleidung voller Schadstoffe


Ein Paar Damen-Schnürstiefel mit dem 179-Fachen des erlaubten Weichmacher-Werts, eine Teenager-Jacke mit dem mehr als 12.000-Fachen des zulässigen PFAS-Werts: Was das Bremer Umweltinstitut bei Produkten des chinesischen Online-Modehändlers Shein gefunden hat, sprengt jede normale Schwankungsbreite. Sieben von 18 getesteten Produkten rissen europäische Grenzwerte – teils um das Tausendfache. Die Untersuchung entstand im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

Was im Labor auftauchte

Die Laborbefunde lesen sich wie ein Querschnitt durch die Problemstoffe der Branche. Ulrike Siemers, Co-Geschäftsführerin des Umweltinstituts, zählt eine ganze Reihe verschiedener Chemikalien auf – von Schwermetallen über Weichmacher bis zu PFAS. Sie spricht von einem „bunten Cocktail an Chemikalien“, darunter auch Stoffe, die nicht reglementiert seien, aber dennoch ein gesundheitsgefährdendes Potenzial hätten. Gerade bei PFAS beobachte man Grenzwertüberschreitungen in letzter Zeit häufig, sagt sie – oft bei Plattformen, auf denen sich Textilien online bestellen lassen.

Die Spitzenwerte stammen aus zwei Jacken. In einer Kinderjacke überschritt eine Substanz aus der PFAS-Gruppe den Grenzwert um mehr als das 1.100-Fache, in einer Jacke für Teenager um mehr als das 12.000-Fache. PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, eingesetzt, um Kleidung wasser-, fett- und schmutzabweisend zu machen. Als sogenannte Ewigkeitschemikalien reichern sie sich in Mensch und Umwelt an. Manche von ihnen können laut Umweltbundesamt Stoffwechsel, Hormonhaushalt und Immunsystem beeinflussen, einige stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.

Auffällig auch ein Befund bei Damen-Schnürstiefeln: 179.000 Milligramm pro Kilogramm des Weichmachers DEHP. Erlaubt wären allenfalls 1.000 Milligramm – die Stiefel enthielten also das 179-Fache. DEHP gehört zu den Phthalaten, einer Gruppe von Weichmachern mit hormonähnlichen Eigenschaften, die die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen können.

Shein reagierte auf die Vorwürfe zurückhaltend. Man nehme die Vorwürfe der DUH sehr ernst und prüfe den Sachverhalt, erklärte Shein auf dpa-Anfrage. Bis die Untersuchung abgeschlossen sei, nehme man die betroffenen Produkte weltweit aus dem Angebot und prüfe parallel vergleichbare Artikel im gesamten Shop. Händler und Lieferanten seien verpflichtet, sich an interne wie geltende Produktsicherheitsstandards zu halten; man werde mit anerkannten Prüfunternehmen zusammenarbeiten, darunter dem TÜV Süd.

Die Deutsche Umwelthilfe hat Shein nun eine Abmahnung geschickt. „Das bedeutet erstens, dass wir eine Unterlassungserklärung einfordern, also diese ganzen gefährlichen Chemikalien und Produkte müssen vom Markt, und zwar weltweit“, sagt Viola Wohlgemuth, Textilexpertin von der DUH. Die Testergebnisse will die Organisation zugleich der EU-Kommission übergeben.

Dort läuft seit Februar ein Verfahren gegen Shein. Brüssel verdächtigt das Unternehmen, zu wenig gegen den Vertrieb illegaler Produkte zu unternehmen und den Verbraucherschutz zu vernachlässigen. Für Aufsehen hatten zuvor kindlich aussehende Sexpuppen gesorgt, dazu genehmigungspflichtige Waffen und Medikamente, die sich auf dem Marktplatz erwerben ließen. Shein entfernte die Angebote nach der Kritik.

Grundlage ist der Digital Services Act (DSA), das EU-Gesetz über digitale Dienste, das große Plattformen strengeren Regeln unterwirft. Umweltaspekte stehen darin nicht im Fokus – wohl aber der Verkauf von Produkten, die EU- oder nationalem Recht widersprechen. Damit fallen auch Verstöße gegen Umweltvorschriften unter die Definition illegaler Ware. Der DSA sieht ausdrücklich vor, dass Privatpersonen und zivilgesellschaftliche Organisationen die Kommission auf Missstände hinweisen können – die DUH macht mit den Bremer Laborergebnissen davon Gebrauch.

Schnell geht das selten. Die Verfahren ziehen sich oft über Jahre, gegen Shein wird noch ermittelt. Im nächsten Schritt würde Brüssel vorläufige Ergebnisse vorlegen; eine Strafe stünde erst am Ende, sollte das Unternehmen nicht nachbessern. Welche Größenordnung denkbar ist, zeigt der Fall des Konkurrenten Temu: 200 Millionen Euro verhängte die Kommission zuletzt, unter anderem wegen Sicherheitsbedenken bei Ladegeräten und zu vieler Chemikalien in Kinderspielzeug. Temu nannte die Strafe unverhältnismäßig und verwies darauf, dass sie sich auf eine Risikoabwägung von 2024 stütze und den aktuellen Stand der Systeme nicht abbilde.

Kein Einzelfall

Die aktuellen Befunde fügen sich in ein Muster. Stiftung Warentest stellte bei Spielzeug, Schmuck und Elektronik von Temu und Shein fest, dass 110 von 162 Produkten EU-Standards nicht erfüllten. Das Verbrauchermagazin Öko-Test fand bedenkliche Chemikalien in Kleidung, die über Shein verkauft wird. Die Arbeiterkammer Oberösterreich kam zu ähnlichen Ergebnissen, und auch Tests im Auftrag der Stadt Seoul fielen nicht anders aus. Zu diesen Untersuchungen äußerte sich Shein gegenüber der dpa nicht.

Für Verbraucher bleibt die Lage unübersichtlich. Die Verbraucherzentrale Niedersachsen rät auf Marktplätzen, auf denen vor allem chinesische Händler verkaufen, zur Vorsicht und empfiehlt bei sicherheitsrelevanten Waren wie Spielzeug, Elektrogeräten und Kosmetika den Kauf in der EU. Achten solle man auf vollständige Angaben zu Hersteller und Importeur sowie auf Kennzeichen wie das CE-Zeichen.

Ansatzpunkt Textilgesetz

Die DUH will über den Einzelfall hinaus ansetzen – bei der anstehenden Reform des Textilgesetzes. Nach den bislang bekannten Plänen von Umweltminister Carsten Schneider (SPD) sollen Hersteller künftig in Organisationen für Herstellerverantwortung einzahlen. Diese kümmern sich aus den Beiträgen um Sammlung und Verwertung der Alttextilien. Die Umwelthilfe will die Beiträge stärker spreizen: Wer giftige, kurzlebige und schwer recycelbare Fast Fashion auf den Markt bringe, müsse „drastisch höhere Beiträge“ zahlen als ein Hersteller langlebiger, schadstoffarmer und kreislauffähiger Textilien, so DUH-Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz.

320°/dpa/re

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