Munitionsaltlasten

Bis zu 1,6 Millionen Tonnen Munition liegen in deutscher Nord- und Ostsee, den Großteil versenkten die Alliierten nach 1945. Heute rosten die Hüllen durch, und giftiges TNT tritt ins Wasser. Was dagegen helfen soll – und welche Rolle Bakterien dabei spielen könnten.

Munition in der Ostsee: Das Problem ist das Gift

Korrodierte Altmunition aus dem Zweiten Weltkrieg auf dem Meeresboden, Symbolbild für die Munitionsbergung Ostsee

Auf dem Grund von Nord- und Ostsee lagern die Hinterlassenschaften eines Krieges, der vor gut 80 Jahren endete: Millionen Tonnen Munition, versenkt, verrostet, mancherorts nur wenige Kilometer vom Strand entfernt. Lange sorgten sich Fachleute vor allem darum, dass etwas hochgeht. Inzwischen wissen sie: Das größere Problem ist das Gift, das aus den zerfallenden Metallhüllen ins Wasser austritt – Stoffe wie TNT, von denen manche als krebserregend gelten.

In Rostock hat der Bund nun ein Kompetenzzentrum eingerichtet, das die Bergung koordinieren soll. Bei der Eröffnung nannte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) die Altmunition „eine tickende Zeitbombe für die Ostsee“. Ein Aufbaustab arbeitet bereits daran, die genauen Aufgaben und Strukturen sollen laut Ministerium in den kommenden Monaten festgelegt werden.

Woher stammt die Munition – und wie viel ist es?

Den Großteil versenkten die Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg, um Deutschland zu entwaffnen. Bis zu 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition liegen nach heutigem Wissen im deutschen Teil von Nord- und Ostsee. „Das ist ein Zug von Moskau nach Paris“, sagt die Direktorin des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, Katja Matthes.

Rund 300.000 Tonnen davon liegen in der Ostsee, das meiste vor der Küste Schleswig-Holsteins. Wie es um das Material steht, hängt von Lage, Strömung und Beschaffenheit ab – meist ist der Zustand desolat. Teils tragen die Granaten und Bomben noch ihre Zünder, je nachdem, ob sie im Gefecht sanken, als Blindgänger endeten oder gezielt aus Depots geholt und vor der Küste versenkt wurden.

Was ist die Gefahr?

Das Explosionsrisiko ist real, doch die Fachleute sehen die Hauptgefahr anderswo. Mit der Korrosion der Metallhüllen treten giftige Stoffe wie TNT ins Wasser aus – mit Folgen für das gesamte Ökosystem.

In Muscheln und Fischen nahe den Fundorten hätten sich diese Stoffe bereits nachweisen lassen, teilte das Ministerium mit. Und sie hinterlassen Spuren: Bei Plattfischen registrierten Forscher in belasteten Gebieten 25 Prozent mehr Lebertumore als andernorts. Die Munition, sagte Schneider, sei „eine Gefahr für unsere Gesundheit, aber natürlich auch für das Ökosystem Nord- und Ostsee“.

Wo liegt die Munition – und warum kommt die Ostsee zuerst dran?

Auf dem Boden liegende oder im Schlick versunkene Munition gefährdet Schifffahrt, Fischerei, Tourismus und den Ausbau der Offshore-Windkraft. Zwar rottet der größere Teil in der Nordsee vor sich hin, die Räumung dürfte sich aber zunächst auf die Ostsee konzentrieren – dort sind die Bergungsbedingungen einfacher.

Hinzu kommt: Die Ostsee ist ökologisch besonders empfindlich. Nur über die schmalen, flachen dänischen Meerengen hängt sie an einem dünnen Faden mit Nordsee und Atlantik zusammen, ihr Wasser tauscht sich lediglich etwa alle 30 Jahre aus. Schadstoffe reichern sich deshalb mit der Zeit immer stärker an.

Was soll passieren?

Langfristig soll eine schwimmende Industrieanlage die geborgene Munition direkt auf See entsorgen. Den Zuschlag für Entwicklung und Bau der mobilen Plattform will der Bund im dritten Quartal 2026 vergeben, in Betrieb gehen soll sie in der zweiten Jahreshälfte 2028. Für Entwicklung und Bau sind 78 Millionen Euro veranschlagt, der laufende Betrieb inklusive Erkundung und Bergung dürfte rund 70 Millionen Euro pro Jahr kosten.

Die geplante Kapazität liegt bei etwa 750 Tonnen im Jahr. Rechnet man das gegen die geschätzten 300.000 Tonnen allein in der Ostsee, wird die Dimension deutlich – selbst wenn längst nicht alle Bestände geborgen werden müssen, bliebe rein rechnerisch rund 400 Jahre Arbeit.

Und die Zeit drängt, denn die Munition zerfällt zusehends. Eine Idee kommt aus der Biologie: Bakterien und Meerespilze könnten die freigesetzten Giftstoffe wegfressen und so ganze Gebiete reinigen, sagt der Toxikologe Edmund Maser von der Universität Kiel.

320°/dpa/re

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