Alternative Proteine

Bislang wandert Melasse in den Futtertrog. Künftig soll sie zu Eiweiß werden – gewonnen von Bakterien, die sich in Stahltanks rasant vermehren. Im Chemiepark Leuna soll dafür die europaweit erste Industrieanlage entstehen.

Reststoff Melasse wird zu Protein


Melasse, das zähe braune Nebenprodukt der Zuckerherstellung, landet bislang meist im Futtertrog. Im Chemiepark Leuna soll daraus künftig etwas anderes werden – hochwertiges Protein, gewonnen binnen 24 Stunden mit Hilfe von Mikroorganismen.

Dahinter steht das Hamburger Biotech-Unternehmen MicroHarvest, das im Chemiepark eine Pilotanlage errichtet. Sie ist nach Angaben der beteiligten Unternehmen europaweit die erste, die im industriellen Maßstab aus Agrar-Nebenprodukten Eiweiß gewinnt. Geplant sind 15.000 Tonnen pro Jahr.

Wie aus Melasse in 24 Stunden Protein wird

Der Rohstoff fällt praktisch vor der Haustür an: Rund um Leuna entsteht Melasse in großen Mengen. In geschlossenen Tanks zehren davon Bakterien, wie sie auch in Kimchi, Kefir und Sauerkraut vorkommen – anders als bei Verfahren, die auf Hefen oder Myzel setzen. Sie vermehren sich rasch, und weil sie zu großen Teilen aus Eiweiß bestehen, ist ihre Zellmasse selbst das Produkt. Nach der Ernte aus dem Bioreaktor wird die Biomasse getrocknet und zu einem lagerfähigen Proteinpulver weiterverarbeitet. Der Rohproteingehalt liegt nach Firmenangaben bei über 60 Prozent; abgesetzt werden soll das Pulver in Heimtierfutter, Aquakultur und Lebensmitteln.

Der Reiz des Verfahrens liegt in seiner Unabhängigkeit vom Acker: Ein Fermenter kennt keine Saison und keine Dürre. Was in der Landwirtschaft ein Erntejahr braucht, dauert hier einen Tag.

In Leuna entstehen die nötige Infrastruktur, Trocknungs- und Verpackungsanlagen sowie Labore und Büros auf rund 5.800 Quadratmetern. MicroHarvest investiert nach eigenen Angaben einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag und schafft 25 Arbeitsplätze. Der Produktionsstart ist für die erste Jahreshälfte 2028 geplant.

Für MicroHarvest ist es der Sprung vom Pilotmaßstab in die Industrieproduktion. Bislang lässt das Start-up nach eigenen Angaben rund fünf Tonnen Protein pro Woche über einen Lohnfertiger herstellen; eine erste Pilotanlage eröffnete es Ende 2023 in Lissabon. Getragen wird das Leuna-Projekt zudem von einer Bundesförderung: Aus dem Programm für Energie- und Ressourceneffizienz in der Wirtschaft (EEW) fließen bis zu 5,46 Millionen Euro.

Europas Eiweißlücke – der Markt hinter dem Projekt

Hintergrund des Vorhabens ist der hohe Eiweißbedarf, den die EU zum größten Teil über Importe deckt, allen voran Soja. Rund 85 Prozent der in der Union verbrauchten Sojabohnen stammen aus dem Ausland, vor allem aus Brasilien und den USA. Beim Grundfutter versorgt sich Europa noch weitgehend selbst, doch bei den eiweißreichen Futtermitteln klafft die Lücke: Von den Ölsaaten und Eiweißpflanzen, die 2025 im Trog landeten, kam nur rund ein Viertel aus eigener Erzeugung. Bis 2035 will die Kommission diesen Anteil mit ihrem Proteinplan auf 35 Prozent heben. Allein Deutschland importierte 2023 rund 3,2 Millionen Tonnen Sojabohnen.

Die beteiligten Unternehmen wittern darin einen wachsenden Absatzmarkt für ihr Verfahren. Gemessen an Importen in Millionenhöhe fallen die geplanten 15.000 Tonnen allerdings zunächst kaum ins Gewicht. Ob Fermentation die Eiweißlücke spürbar verkleinert, wird sich weniger an der ersten Anlage entscheiden als an der Frage, wie viele weitere folgen.

320°/dpa/re

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