Alternative Faserstoffe

Rund 7.000 Tonnen Strohfasern im Jahr soll die Anlage in Schwedt liefern. Daraus entsteht ein Papier, das Frischholzfaser aus der Decklage der Wellpappe drängen will. Wie viel Stroh am Ende darin steckt, lassen die Partner offen.

PreZero-Tochter baut Strohfaseranlage bei Leipa


Rund um Schwedt an der Oder fällt jeden Sommer Getreidestroh an, die Uckermark gilt als Kornkammer Brandenburgs. Das meiste davon geht zurück auf den Acker oder in den Stall. Ein Teil soll künftig in Wellpappe landen.

Dafür zieht OutNature, eine Tochter des Kreislaufwirtschaftsunternehmens PreZero, in eine Bestandshalle auf dem Werksgelände des Papierherstellers Leipa ein. Leipa hat die Halle eigens hergerichtet, die Schlüssel sind übergeben, der Aufbau der Strohfaseranlage läuft an. Nach eigenen Angaben investiert OutNature einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Rund 7.000 Tonnen Strohfasern im Jahr soll die Anlage liefern – gemessen an den über einer Million Tonnen Altpapier, die Leipa dort jährlich verarbeitet, eine überschaubare Menge.

Strohfasern sollen fester sein als Altpapierfasern

Damit aus Stroh Faser wird, braucht es Dampf und Druck. Beides liefert nach Angaben der Partner ein BioTrac-System des finnischen Ausrüsters Valmet. Minutenlang wirkt Sattdampf auf das gehäckselte Stroh ein. Dann fällt der Druck schlagartig ab, und der Faserverbund löst sich auf.

Im Vorfeld hat OutNature die Faser vor allem auf ihre Festigkeit geprüft. Die Untersuchungen hätten das Potenzial bestätigt, teilt das Unternehmen mit: Die Strohfasern erreichten Festigkeitswerte, die eine Aufwertung in Richtung Frischfaser-Eigenschaften ermöglichten.

Worum es dabei geht, hatte OutNature-Geschäftsführer Michail Ginsburg im vergangenen Jahr umrissen: „Die Lücke zwischen Qualitätsverlust und dem Bedarf an Frischholzfasern kann Stroh hervorragend schließen.“ Leipa erklärte damals, die Festigkeitseigenschaften der Strohfasern überträfen die von Altpapierfasern deutlich. Prüfdaten dazu sind bislang nicht veröffentlicht.

Wie viel Stroh am Ende im Papier steckt, haben die Partner offengelassen. Das erste marktfähige Produkt heißt LEIPA Synergy, mischt Stroh- mit Recyclingfasern und soll Ende des zweiten Quartals 2027 verfügbar sein. Verdrängen will es den weiß gestrichenen Kraftliner – jene Decklage aus Holzfrischfaser, zu der Verpackungshersteller greifen, wenn Altpapierfasern an ihre Festigkeitsgrenzen stoßen. Landen soll das Papier in Wellpappe-Verpackungen und Displays.

Wie viel Stroh wirklich verfügbar ist

Im langjährigen Mittel fallen in Deutschland rund 30 Millionen Tonnen Getreidestroh an. Verfügbar ist davon nur ein Bruchteil: Einstreu und Futter binden erhebliche Mengen, ein weiterer Anteil lässt sich gar nicht bergen, ein dritter muss auf dem Feld bleiben, um die Humusbilanz zu halten. Wie viel übrig bleibt, hängt davon ab, wie man diese Bilanz rechnet. Eine Verbundstudie unter Federführung des Deutschen Biomasseforschungszentrums kommt je nach Methode auf acht, zehn oder 13 Millionen Tonnen im Jahr – 27 bis 43 Prozent des theoretischen Aufkommens.

Bundesweit ist der Rohstoff damit reichlich vorhanden. Entscheidend ist aber, was im Umkreis der Anlage liegt. OutNature will das Stroh in unmittelbarer Nähe beschaffen, um transportbedingte CO₂-Emissionen niedrig zu halten. Stroh ist sperrig und wiegt wenig – je weiter der Lkw fährt, desto teurer wird die Tonne Faser.

Neu ist das Feld für OutNature nicht. Mit Papieren aus Fasern der Durchwachsenen Silphie – einer mehrjährigen Energiepflanze – ist das Unternehmen bereits im Markt, dort liegt der Faseranteil bei 35 Prozent. Anders als die eigens angebaute Silphie kostet Stroh keine Fläche. Ob daraus eine Faserquelle für Verpackungspapiere im großen Maßstab wird, zeigt sich frühestens Mitte 2027.

320°/sr

Mehr zum Thema