Konjunktur

Die Industrie sammelt im Juni 3,1 Prozent mehr Aufträge ein – sechsmal so viel wie erwartet. Doch Ökonomen sehen ein neues Abwärtsrisiko: das Niedrigwasser im Rhein.

Industrieaufträge steigen, Rhein wird zum Risiko

Zwei Mitarbeiter in Schutzkleidung in einer Produktionshalle – die Auftragseingänge der Industrie stiegen im Juni um 3,1 Prozent

Zwei Zahlenreihen aus dieser Woche passen schlecht zusammen. Die eine kommt aus Wiesbaden und liest sich wie ein Aufatmen für die deutsche Industrie. Die andere kommt von den Pegelstationen am Rhein – und hält dagegen.

Die Auftragseingänge der Industrie legten im Juni gegenüber dem Vormonat saison- und kalenderbereinigt um 3,1 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Volkswirte hatten lediglich mit einem halben Prozent gerechnet. Es war bereits der zweite Anstieg in Folge, nachdem im Mai ein kleiner Zuwachs gemeldet worden war.

Den Ausschlag gaben Großaufträge. Die größten Zuwächse kamen aus dem Maschinenbau, wo die Bestellungen im Monatsvergleich um 12,7 Prozent zulegten, und von den Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten sowie elektronischen und optischen Erzeugnissen mit 22,7 Prozent – in beiden Bereichen meldete laut Statistischem Bundesamt eine Reihe von Betrieben Großaufträge. Auch die Autoindustrie zog mit 3,8 Prozent an. Rechnet man die Großaufträge heraus, bleibt vom Plus nichts übrig: Dann wären die Bestellungen insgesamt geschrumpft.

Die Konjunktur laufe etwas besser als zuletzt gedacht, sagte Jens-Oliver Niklasch, Ökonom bei der Landesbank LBBW. „Freilich schwebt das Ölpreis-Risiko latent über allem, und mit den Pegelständen der großen Flüsse ist ein neues Abwärtsrisiko dazugekommen.“

Bestellungen da, Lieferwege eng

Damit ist der Punkt benannt, an dem die gute Nachricht kippen könnte. Denn aus Bestellungen wird erst Produktion, wenn die Vorprodukte bezahlbar am Werkstor ankommen.

Die Industrie habe genug Bestellungen, um die Produktion in den kommenden Monaten hochzufahren, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt bei der VP Bank. „Wermutstropfen ist derweil der niedrige Rheinpegel, der einer Ausweitung der Produktion im Wege stehen könnte.“ Die Einschränkungen für die Binnenschifffahrt erschwerten die Belieferung mit Vorprodukten.

Wodurch aus einer logistischen Erschwernis ein Stillstand werden kann, beschreibt Marc Schattenberg von Deutsche Bank Research über den Preis: „Wenn die Wasserstände weiter fallen, könnte die Berufsschifffahrt am Ende so teuer werden, dass es wirtschaftlich keinen Sinn mehr macht und es zu einer Unterbrechung kommt.“ Kurzfristig lasse sich die Lage kaum wirksam ändern.

Termin in Bonn

Der Rhein ist die wichtigste Wasserstraße Europas, und seine Pegel haben zuletzt Rekord-Tiefstände erreicht. Der Chemieverband VCI warnt davor, dass Lieferketten reißen könnten und die Produktion gedämpft werde.

Über den Umgang mit dem Niedrigwasser sprechen Wirtschaftsverbände heute in Bonn mit Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU). Bilger hat das Amt erst Ende Juli von seinem Parteikollegen Patrick Schnieder übernommen.

320°/dpa/re

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