Konjunktur
Drittes Wachstumsquartal in Folge, vierter Anstieg beim Ifo-Index: Die deutsche Konjunktur erholt sich trotz Iran-Krieg. Nur reißt der Staatshaushalt jetzt die europäische Drei-Prozent-Marke – und am Rhein fehlt den Schiffen weiter das Wasser unter dem Kiel.
Die Wirtschaft wächst, das Defizit wächst schneller
Die Aussichten für das Frühjahr waren stellenweise düster, der Krieg zwischen den USA und dem Iran hatte die Prognosen gedrückt. Herausgekommen ist trotzdem ein Plus: Zwischen April und Juni legte das Bruttoinlandsprodukt gegenüber dem Vorquartal um 0,3 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Das sind 0,1 Punkte mehr als zunächst erwartet – und das dritte Wachstumsquartal in Folge.
Exporte tragen, Investitionen fehlen
Getragen wurde das Wachstum erneut vom Außenhandel. „Wie schon im ersten Quartal ging der Anstieg vor allem auf die gute Exportentwicklung zurück“, erklärte Behördenpräsidentin Ruth Brand. 2,0 Prozent mehr Waren und Dienstleistungen gingen ins Ausland als im Auftaktquartal. Im Inland blieb es zäh: Private und staatliche Konsumausgaben stiegen um jeweils 0,1 Prozent, die Investitionen in Maschinen und Fahrzeuge sanken sogar.
Volkswirte werten das Ergebnis dennoch als Beleg für eine Wende. „Gemessen an den stellenweise düsteren Konjunkturaussichten in Anbetracht des Iran-Kriegs fällt das deutsche Wachstum erstaunlich solide aus“, sagte Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der Liechtensteiner VP Bank. „Die guten Nachrichten werden sich fortsetzen: Die Auftragsbücher im verarbeitenden Gewerbe sind gut gefüllt.“ Commerzbank-Ökonom Ralph Solveen erwartet, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr „wieder einmal nennenswert zulegen wird“.
Dazu passt die Stimmung in den Unternehmen. Das Ifo-Geschäftsklima kletterte im August um 2,1 auf 88,8 Punkte und damit den vierten Monat in Folge nach oben – Analysten hatten im Schnitt nur 87,2 Punkte auf dem Zettel. Gestützt wurde der Index sowohl von besseren Geschäftserwartungen als auch von der Einschätzung der aktuellen Lage, spürbar vor allem im Verarbeitenden Gewerbe. „Trotz des erneuten Energiepreisanstiegs erholt sich die deutsche Wirtschaft“, kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest die Umfrage unter 9.000 Firmen.

Weniger freundlich sieht es aus, wenn man auf die Staatskasse blickt. Im ersten Halbjahr gab der Staat 71,3 Milliarden Euro mehr aus, als er einnahm – 36,6 Milliarden mehr als im Vorjahreszeitraum. Bezogen auf die Wirtschaftsleistung liegt das Defizit von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherung damit bei 3,1 Prozent. Erlaubt sind nach europäischen Vorgaben 3,0.
Den größten Anteil trägt der Bund, dessen Lücke sich um 29 Milliarden auf gut 48 Milliarden Euro vergrößerte. Auch die Länder rutschten tiefer ins Minus, allein die Gemeinden verringerten ihr Defizit. Bei der Sozialversicherung kippte das Vorzeichen: 1,8 Milliarden Euro Defizit, nach einem Überschuss von 3,8 Milliarden im ersten Halbjahr 2025 – Folge vor allem höherer Ausgaben in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung.
Für die kommenden Jahre erwarten Fachleute einen weiteren Anstieg der Defizitquote: Weil der Staat schuldenfinanziert Milliarden in Straßen, Schienen und Verteidigung steckt, rechnen Fachleute mit einem Anstieg von 2,7 Prozent im Gesamtjahr 2025 auf mehr als 4 Prozent im Jahr 2027. Manche Ökonomen sehen damit auch die Bestnote AAA in Gefahr. Ein Verlust des Triple-A würde frisches Geld am Markt teurer machen – und das in einer Lage, in der die Renditen zehnjähriger Bundesanleihen ohnehin auf den höchsten Stand seit 2011 gestiegen sind.
Der Rhein als Risiko
Ökonomen trauen Europas größter Volkswirtschaft in diesem Jahr rund ein Prozent Wachstum zu, die KfW hob ihre Prognose um 0,4 Punkte auf 1,1 Prozent an. Nach zwei Jahren schrumpfender Wirtschaftsleistung und einem Mini-Plus von 0,2 Prozent im Jahr 2025 wäre das ein deutlicher Sprung. „Wir erwarten ab dem Schlussquartal dieses Jahres wieder positive, teils kräftige Wachstumsraten“, sagt KfW-Chefvolkswirt Dirk Schumacher.
Kurzfristig steht dem allerdings das Rekord-Niedrigwasser am Rhein im Weg. Weil der Warentransport über das Wasser stockt, drosseln Branchen wie die Chemieindustrie ihre Produktion. Die Bundesbank erwartet deshalb, dass die Folgen der niedrigen Pegelstände die Erholung im dritten Quartal „vorübergehend ausbremsen“; von Juli bis September dürfte die Wirtschaft „allenfalls noch leicht zulegen“.
Bleiben die Energiepreise. Nach dem Auslaufen des Tankrabatts sprang die Inflationsrate im Juli um 0,5 Punkte auf 2,8 Prozent, und viel spricht dafür, dass die Teuerung weiter anzieht. Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran ist ungelöst, die Straße von Hormus faktisch blockiert. Die Erholung, die sich in den Quartalszahlen abzeichnet, hängt damit an einer Variablen, über die in Berlin niemand entscheidet.


