Rezyklate im Reifen

Über 80 Prozent recycelte, erneuerbare oder zertifizierte Materialien: So rechnet Continental seinen Konzeptreifen. 43 Prozentpunkte davon sind Rezyklat. Für den Markthochlauf fordert der Konzern EU-weit einheitliche Definitionen.

Tallöl, Altreifen, PET-Flaschen: Was in Continentals Konzeptreifen steckt


Recyceltes Tallöl, recycelter Stahl, Kautschuk aus Altreifen, Polyestergarn aus gebrauchten PET-Flaschen: So sieht die Materialliste des Konzeptreifens aus, den Continental im EU-Projekt ZEvRA entwickelt hat. Rund 43 Prozent der eingesetzten Materialien stammen nach Angaben des Herstellers aus recycelten Quellen. Beim Rollwiderstand erreiche der Reifen zugleich Bestwerte im EU-Label.

ZEvRA steht für „Zero Emission Electric Vehicles Enabled by Harmonized Circularity“. Das auf zwei Jahre angelegte EU-Projekt läuft 2026 aus und zielt darauf ab, die Kreislaufwirtschaft von Elektrofahrzeugen entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu optimieren. Continental ist der einzige Reifenhersteller im Konsortium.

Industrieruß aus Altreifen

Der Konzeptreifen ist dabei nur ein Ausschnitt dessen, woran das Unternehmen beim Thema Sekundärrohstoffe arbeitet. Die Pyrolyse etwa zersetzt Altreifen unter Sauerstoffabschluss und gewinnt daraus Industrieruß zurück – kein Laborstoff mehr: Seit 2023 steckt der rückgewonnene Ruß am Standort Korbach in allen neu produzierten Vollgummireifen, die vor allem unter Gabelstaplern laufen. Ergänzend nutzt Continental Sand, der als Reststoff etwa in Gießereien anfällt, als Ausgangsmaterial für eine alternative Silica-Variante.

Neben dem Recyclinganteil weist Continental für den Konzeptreifen rund 13 Prozent erneuerbare Rohstoffe aus und weitere etwa 25 Prozent massenbilanzzertifizierte Materialien. In Summe kommt der Hersteller so auf mehr als 80 Prozent. Der dritte Posten funktioniert allerdings anders als die beiden ersten. Bei der Massenbilanz wird nachhaltiger Rohstoff in bestehende Produktionsströme eingespeist und rechnerisch einzelnen Produkten zugeordnet. Im konkreten Reifen muss er physisch nicht enthalten sein.

Neuer Continental-Konzeptreifen mit Rezyklatanteil: Bestwerte beim Rollwiderstand | Foto: Continental

Wie solche Anteile künftig berechnet und ausgewiesen werden, ist für das Unternehmen die eigentliche Baustelle. „Ein einheitlicher Ansatz für Berechnung und Berichterstattung sollte in engem Dialog zwischen politischen Entscheidungsträgern und Stakeholdern entwickelt werden“, sagt Jorge Almeida, Leiter Nachhaltigkeit des Reifenbereichs. Werde er regulatorisch umgesetzt, müsse er „einfach, transparent und für Verbraucher leicht verständlich“ sein – sonst entstehe unnötige Bürokratie statt Fortschritt. Der nächste Schritt bestehe darin, Recyclinglösungen im industriellen Maßstab zu etablieren und geschlossene Stoffströme aufzubauen.

Auf der Wunschliste stehen zudem europaweit einheitliche Definitionen für recycelte Materialien und klare Kriterien, wann ein aufbereiteter Stoff als recycelter Rohstoff gilt. Dazu Technologieoffenheit, ein weiterer Ausbau von Recyclingtechnologien und Infrastruktur sowie belastbare Lieferketten. Technologischer Fortschritt könne seine volle Wirkung nur entfalten, „wenn verlässliche und abgestimmte Rahmenbedingungen Planungssicherheit schaffen“, sagt Andreas Topp, Leiter Plattformentwicklung und Industrialisierung im Pkw-Reifenbereich.

Wo der Serienstand liegt, zeigen Continentals eigene Zahlen: Polyesterkarkassen aus PET-Flaschen laufen seit 2022 serienmäßig in ausgewählten Pkw-Reifen, der UltraContact NXT kam 2023 mit bis zu 65 Prozent erneuerbaren, recycelten und massenbilanzzertifizierten Materialien auf den Markt. Über das gesamte Reifenportfolio lag der Anteil eingekaufter erneuerbarer und recycelter Produktionsmaterialien 2025 bei 28 Prozent. Bis 2030 sollen es mindestens 40 Prozent sein.

320°/re

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