Urban Mining

Ein neues Tool der TU Graz liefert per Adresseingabe eine Einschätzung, welche Rohstoffe in einem Gebäude stecken. Rückbauunternehmen könnten ihren Aufwand damit besser kalkulieren, Baustoffhersteller ihre Recyclingbeton-Produktion besser planen.

Rohstoffe schätzen, ohne das Haus zu betreten


Kreislaufwirtschaftliches Denken gewinnt in der Baubranche zunehmend an Bedeutung: Wer weiß, welche Rohstoffe in einem Gebäude stecken, kann sie beim Rückbau wiederverwenden oder recyceln – und spart dabei Kosten wie Emissionen. Um dieses Ressourcen-Potenzial im Gebäudebestand zu erfassen, hat ein Team der TU Graz nun ein digitales Werkzeug entwickelt, den Urban Mining Screener.

Das Tool stammt aus dem Institut für Architekturtechnologie der TU Graz, entstanden ist es gemeinsam mit dem Projektpartner Revitalyze. Es liest aus Bestandsgebäuden aus, welche Baustoffe und Bauelemente darin verbaut sind – vorerst nur für Österreich. Nutzer geben lediglich eine Adresse ein und erhalten eine Einschätzung der enthaltenen Materialien.

Geodaten treffen auf 154 Gebäudetypen

Die eigentliche Rechenarbeit übernimmt ein Algorithmus, der dreidimensionale Daten aus OpenStreetMap auswertet: Grundfläche, Umfang, Höhe. Diese Werte gleicht der Urban Mining Screener mit einem von 154 Gebäude-Archetypen ab, die die Arbeitsgruppe Nachhaltiges Bauen am Institut für Tragwerksentwurf der TU Graz zusammengestellt hat. Jeder Archetyp trägt Kennwerte wie Baujahr, Energieklasse und typisches Baumaterial – ergänzt um drei Stufen tatsächlich getroffener Umbaumaßnahmen, damit auch nachträgliche Veränderungen am Gebäude in die Schätzung einfließen.

Wie treffsicher das Verfahren arbeitet, hat das Team an einem realen Gebäude getestet. Bei mineralischen Baustoffen wie Beton oder Ziegel lag die Schätzung nah an der Realität. Schwieriger wird es bei Kunststoffen oder komplexen Metallkonstruktionen wie Handläufen: Solche Bauteile sind in den Archetypen bislang nicht abgebildet, entsprechend ungenau fallen die Ergebnisse dort noch aus. Das Team will hier nachbessern.

Für Projektleiter Matthias Lang-Raudaschl sind das lösbare Probleme. Langfristig könne der Screener aufwendige Erhebungen ersetzen, vor allem auf Stadt- oder Regionsebene. Dort lasse sich der Rohstoffbestand nicht nur schneller darstellen als Gebäude für Gebäude – laut Lang-Raudaschl dürften die Schätzungen auch genauer ausfallen als bei einzelnen Objekten.

Für die Praxis bedeute das: Rückbauunternehmen könnten ihren Aufwand und die Logistik besser kalkulieren, Baustoffhersteller die Produktion von Recyclingbeton besser planen, Bauträger Bauteile wie Holzträger oder Fenster wiederverwenden.

Die gesammelten Daten könnten künftig auch für Simulationen von Baustoffströmen genutzt werden und die Kreislaufwirtschaft mit präzisen Prognosen unterstützen, so Lang-Raudaschl. Der Gebäudebestand werde damit systematisch als Ressourcendepot sichtbar.

320°/re

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